Wer billige Festplatten von unbekannten Marken kauft, riskiert mehr als schlechte Qualität – er könnte regelrecht betrogen werden. Das Datenrettungsunternehmen Attingo hat bei einer Routinebeschaffung von Ersatzteilen mehrere externe USB-Festplatten von obskuren Anbietern wie Storite, Suhsai und Bnehhov erstanden. Das Ergebnis: Betrug mit gebrauchten Festplatten, der offenbar kein Ende nimmt.
Als neu verkauft, aber uralt: Was Attingo in den Gehäusen fand
Die externen Laufwerke waren in ihren USB-Gehäusen als Neuware beworben – doch der Schein trügte gewaltig. Im Inneren entdeckten die Datenretter unter anderem eine Western-Digital-HDD aus dem Jahr 2021 sowie ein Samsung-Laufwerk von 2009 – das letztgenannte also bereits über 15 Jahre alt, aber immerhin noch funktionsfähig. Die Laufwerke stammten demnach aus mindestens zwei verschiedenen Jahrzehnten, wurden aber als fabrikneu verkauft.
Auffällig war auch das Dateisystem: Alle Laufwerke waren mit exFAT formatiert. Das ist für Festplatten ungewöhnlich, denn Microsoft hat exFAT eigentlich für Flash-Speicher wie USB-Sticks und SD-Karten entwickelt. Noch problematischer: Unterhalb dieser Formatierung fanden die Spezialisten alte, wiederherstellbare Datenbestände. Da die Laufwerke als Neuware verkauft wurden, ist der Tatbestand eindeutig: Betrug.
Auch Markenware nicht sicher: Intenso mit mangelhafter Datenlöschung
Nicht nur Billigware von No-Name-Herstellern ist betroffen. Attingo erwarb im Zuge derselben Testeinkäufe auch eine externe USB-Festplatte von Intenso – diesmal korrekt als Refurbished (also gebraucht, aber geprüft) deklariert. Doch auch hier fanden die Experten wiederherstellbare Daten, was bei aufbereiteter Ware eigentlich ausgeschlossen sein sollte.
Intenso reagierte auf die Enthüllung und erklärte gegenüber Attingo, die Datenlöschung sei beim Vorlieferanten unzureichend durchgeführt worden. Das Unternehmen will künftig die interne Qualitätssicherung nachbessern und Risiken minimieren. Ein schwacher Trost für Kunden, die bereits betroffene Laufwerke erworben haben.
Kein Einzelfall: Serienbetrug mit gefälschten Festplatten weltweit
Der aktuelle Fall ist leider keine Ausnahme. Bereits seit 2025 häufen sich Berichte über gebrauchte Seagate-Exos-Festplatten, die als Neuware in den Handel gelangten – teils mit über 50.000 Betriebsstunden auf dem Buckel. Dieser Fall weitete sich zu einem weltweiten Betrugsfall mit vielen Tausend Laufwerken aus, in dessen Zuge es sogar zu Festnahmen in Malaysia kam.
Auch über Amazon-Marketplace-Händler wurden schon alte Festplatten mit manipulierten SMART-Werten als Neuware verkauft: Beim Anbieter UnionSine wurden Laufwerke von Seagate und Western Digital aus den Jahren 2015 und 2017 in frischen Gehäusen steckt – mit gefälschtem Produktionsdatum März/April 2025. Die SMART-Parameter wie Betriebsstunden und Start-Stopp-Zyklen waren bewusst auf null zurückgesetzt worden, um den Betrug zu verschleiern.
Daran erkennst du gefälschte oder gebrauchte Festplatten
Wer sichergehen will, dass seine neue Festplatte auch wirklich neu ist, sollte nach dem Kauf einige einfache Checks durchführen:
- SMART-Werte prüfen: Tools wie CrystalDiskInfo (Windows) zeigen Betriebsstunden, Schreib-/Lesezugriffe und den allgemeinen Zustand der Festplatte an. Mehr als 0 Betriebsstunden bei einer „neuen“ HDD ist ein Alarmsignal. Wer eine SSD oder HDD auf ihren Gesundheitszustand prüfen möchte, findet bei uns eine ausführliche Anleitung dazu.
- exFAT-Formatierung als Warnsignal: Kommt eine Festplatte mit exFAT-Formatierung, ist Vorsicht geboten – das Dateisystem ist für HDDs unüblich.
- Seriennummer beim Hersteller prüfen: Bei Seagate, WD und anderen Herstellern lässt sich die Garantie und das Produktionsdatum über die Seriennummer online abfragen.
- Herstellergarantie checken: Eine neue 5-Jahres-Garantie-HDD, deren Garantie laut Hersteller-Website schon in zwei Jahren ausläuft, kann nur gebraucht sein.
- Auf ungewöhnlich günstige Preise achten: Gerade bei externen Festplatten von unbekannten Marken über Marktplätze wie Amazon oder eBay ist bei extrem niedrigen Preisen erhöhte Skepsis angebracht.
Was tun, wenn man betrogen wurde?
Wer eine als neu gekaufte Festplatte erhält, die sich als gebraucht entpuppt, hat klare Rechte. Händler sind zur Nachbesserung oder Rücknahme verpflichtet – gebrauchte Ware als neu zu verkaufen ist ein klarer Sachmangel und juristisch gesehen Betrug. In der Praxis erstatten viele Händler den Kaufpreis anstandslos, sobald man mit den SMART-Belegen konfrontiert. Im Zweifelsfall hilft auch eine Meldung an die Verbraucherzentrale oder – bei eindeutiger Täuschungsabsicht – eine Strafanzeige.
Wer sich für das Thema Datensicherheit interessiert, sollte zudem überprüfen, ob auf den zurückgegebenen Laufwerken noch sensible Daten vorhanden sind, die ursprüngliche Vorbesitzer betreffen könnten – das ist nämlich ein zusätzliches Datenschutzproblem, das der aktuelle Attingo-Fall erneut ans Licht bringt.
Fazit: Beim Kauf von Festplatten nicht an der Qualität sparen
Der Betrug mit gebrauchten Festplatten ist kein neues Phänomen – aber er ist hartnäckig. Ob über Amazon-Marketplace, eBay oder andere Plattformen: Immer wieder tauchen Laufwerke auf, die als neu verkauft werden, aber uralt oder bereits intensiv genutzt sind. Der aktuelle Attingo-Fall zeigt, dass selbst Profis auf diese Maschen hereinfallen können. Unser Rat: Kauft Festplatten und SSDs lieber bei etablierten Händlern oder direkt beim Hersteller – und prüft neue Laufwerke grundsätzlich mit einem SMART-Tool. Wer sich für die richtigen Modelle interessiert, findet bei uns auch einen Überblick zu den besten SSDs für Laptops sowie einen Ratgeber zur Frage welcher SSD-Hersteller empfehlenswert ist.