Bluesky stellt KI-Assistenten „Attie“ vor: Individuelle Feeds ohne Programmierung

Simon Lüthje
Simon Lüthje · 4 Min. Lesezeit

Das dezentrale soziale Netzwerk Bluesky hat auf der diesjährigen Atmosphere-Konferenz einen neuen KI-Assistenten vorgestellt: „Attie“ soll es künftig jedem ermöglichen, eigene, personalisierte Feeds ganz ohne eine einzige Zeile Code zu erstellen – einfach per natürlichsprachiger Eingabe. Unter der Haube arbeitet das Tool mit dem KI-Modell Claude von Anthropic, das auch hinter dem gleichnamigen Chatbot steckt.

Attie: Eine eigenständige, agentische Social-App

Wichtig zu verstehen: „Attie“ ist kein Teil der bekannten Bluesky-App, sondern ein eigenständiges Produkt. Das erklärte Interim-CEO Toni Schneider gegenüber TechCrunch. Die App wird von einem neuen Team rund um Jay Graber entwickelt – die frühere Bluesky-CEO hat ihren Posten als Chief Executive abgegeben, um sich wieder stärker dem Entwickeln und Bauen widmen zu können. Schneider beschreibt es treffend: „Sie wollte einfach mehr bauen.“

Technisch basiert „Attie“ auf dem AT-Protokoll (kurz: atproto) – der offenen Grundlage, auf der auch Bluesky selbst läuft. Das bedeutet: Wer sich mit seinem Atmosphere-Login anmeldet – also seinem Konto für jede App im AT-Protokoll-Ökosystem –, kann Attie sofort nutzen. Da das System offen und app-übergreifend ist, versteht der KI-Assistent bereits beim Start, wofür sich ein Nutzer interessiert und welche Inhalte ihn bewegen. Die ersten Beta-Tester sind die Teilnehmer der Atmosphere-Konferenz.

Feeds per Spracheingabe – kein Code nötig

Das Kernversprechen von „Attie“ klingt verführerisch simpel: Man tippt in natürlicher Sprache, was man sehen möchte – und der KI-Assistent baut daraus einen maßgeschneiderten Feed. Ähnlich wie beim Chatten mit einem modernen Chatbot genügt eine einfache Anfrage wie „Zeig mir Posts über Indie-Spiele und Datenschutz“ – und Attie erledigt den Rest.

In der aktuellen Beta-Phase ist die Funktionalität noch auf das Erstellen und Anzeigen solcher Feeds beschränkt. Perspektivisch sollen die Feeds aber auch direkt in Bluesky oder anderen atproto-Apps nutzbar sein. Langfristig plant Bluesky sogar, es Nutzern zu ermöglichen, auf Basis von Attie eigene Social-Apps zu entwickeln und Werkzeuge für andere zu bauen – ganz im Sinne eines offenen Ökosystems.

Relevanter Kontext aus basic-tutorials.de: Anthropic, der Hersteller von Claude, hatte zuletzt auch seinen kostenlosen Claude-Plan deutlich aufgewertet und neue Features wie Datei-Erstellung und Konnektoren freigeschaltet. Auch das neue Claude Sonnet 4.6 wurde zuletzt als leistungsstarkes KI-Modell für produktive Anwendungen vorgestellt.

„KI sollte den Menschen dienen, nicht den Plattformen“

Jay Graber nutzte die Ankündigung auch für eine klare Positionierung gegenüber großen Tech-Konzernen. Aktuelle KI-Systeme würden von etablierten Plattformen vor allem im eigenen Interesse eingesetzt – etwa um die Verweildauer zu steigern, Daten zu sammeln und Algorithmen unter Verschluss zu halten. Bluesky verfolge einen anderen Ansatz: Ein offenes Protokoll gebe die Kontrolle direkt in die Hände der Nutzer.

Auch Interim-CEO Schneider betont den menschenzentrierten Charakter des Projekts. Attie sei ein „KI-Produkt, das wirklich auf Menschen ausgerichtet ist“ – mit dem Ziel, Technologie einzusetzen, die tatsächlich nützt, statt bloß Engagement-Metriken zu optimieren.

100 Millionen Dollar Finanzierung – kein Krypto

Die Umsetzung des ambitionierten Plans ist finanziell abgesichert: Bluesky hat zuletzt eine Finanzierungsrunde über 100 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Laut Schneider bedeutet das über drei Jahre Runway – Stabilität nicht nur für Bluesky selbst, sondern für das gesamte Ökosystem rund um das AT-Protokoll. In dieser Zeit soll auch die Integration von Datenschutzkontrollen ins Protokoll vorangetrieben werden, denn das Netzwerk zählt inzwischen rund 43,4 Millionen Nutzer.

Eine Sache, die trotz Investoren aus dem Krypto-Umfeld ausdrücklich nicht geplant ist: die Integration von Kryptowährungen. Schneider stellte klar, dass es sich bei den Krypto-Investoren um Befürworter von Dezentralisierung handele – nicht um Zahlungs-Enthusiasten. Bezüglich Monetarisierung werden stattdessen Modelle wie Abonnements oder Hosting-Dienste für eigene Community-Server geprüft.

Fazit: Bluesky bringt KI-gestützte Feed-Personalisierung ohne Hürden

Mit „Attie“ geht Bluesky einen interessanten Weg: Statt KI primär für Engagement-Optimierung zu nutzen, soll sie Nutzern helfen, das dezentrale Ökosystem aktiv mitzugestalten. Die Kombination aus offenem AT-Protokoll und Claude-basierter KI klingt nach einem echten Mehrwert – gerade für alle, die ihre sozialen Feeds lieber selbst kuratieren als sich von undurchsichtigen Algorithmen berieseln zu lassen. Ob „Attie“ den Sprung vom Beta-Tool zur etablierten App schafft, bleibt abzuwarten. Der Ansatz ist jedenfalls frisch und konsequent.