Insta360 arbeitet an einer spiegellosen Kamera, die anders aussehen soll als alles, was es auf dem Markt gibt. Das hat CEO Jingkang „JK“ Liu jetzt in Interviews mit dem japanischen Magazin Mynavi News verraten. Nebenbei bestätigte er auch eine zweite Wechselobjektivkamera, die ebenfalls in der Pipeline steckt. Einen fertigen Prototyp will das Unternehmen frühestens auf der CP+ 2027 in Yokohama zeigen.
Für ein Unternehmen, das bislang vor allem für 360-Grad-Kameras und Actioncams bekannt ist, wäre das ein handfester Schritt in Richtung klassischer Fotografie, nur eben nicht auf klassische Art.
Was Insta360s CEO wirklich verraten hat
Liu bereitet den Boden für die Ankündigung schon seit Monaten. Bereits im Januar 2026 hatte er auf Weibo ein Foto einer weißen, senkrecht gehaltenen Kamera gepostet, dazu die kryptische Bildunterschrift „向新的焦段出发“ (sinngemäß: „auf zu neuen Brennweiten“). Damals war unklar, ob es sich um eine Kompaktkamera mit L-Mount oder eine Konkurrenz zur DJI Osmo Pocket 3 handelt.
Jetzt ist klar: Es sind zwei separate Projekte. Eines davon nannte Liu explizit ein Kamerakonzept, das „das Potenzial hat, die Art zu verändern, wie wir überhaupt fotografieren“, mit einer völlig neuen Herangehensweise an Bildgestaltung, Fokussierung und Auslöser. Sein Kernsatz dazu: „Die beste Kamera ist die, die verschwindet.“
Eine Form, die es so noch nicht gab
Konkrete Renderings oder Skizzen hat Insta360 noch nicht gezeigt. Liu selbst spricht nur von einer „Form, die noch niemand in Betracht gezogen hat“, ein Understatement, das man dem Unternehmen nach der 360-Grad-Kamera-Historie durchaus abnimmt. Insta360 hat schon öfter bewiesen, dass ungewöhnliche Formfaktoren nicht zwingend gegen Ergonomie sprechen müssen, etwa bei der Insta360 X6, die trotz kompaktem Gehäuse größere Sensoren unterbringt.
Bei der neuen Kamera soll es laut ersten Einschätzungen um ein vollwertiges Micro-Four-Thirds-System mit Wechselobjektiven gehen, intern teils unter dem Codenamen „Z One“ gehandelt. Bestätigt ist das allerdings noch nicht. Insta360 selbst spricht offiziell nur von „zwei Mirrorless-Kameras in Entwicklung“.
KI statt manueller Fokus: Insta360 zielt auf Einsteiger
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Systemkameras liegt in der Zielgruppe. Liu beschreibt sie unmissverständlich: Die Kamera soll es „Menschen, die nicht wissen, wie man eine Wechselobjektivkamera bedient“ leicht machen, gute Fotos zu machen. KI-Funktionen sollen automatisch fokussieren, belichten und komponieren. Klassische Handhabungsfehler von Systemkamera-Neulingen sollen so gar nicht erst entstehen.
Das ist eine bewusste Abgrenzung zu Marken wie Sony, Canon oder Fujifilm, deren Systemkameras nach wie vor primär auf manuelle Kontrolle setzen. Insta360 positioniert sich stattdessen näher an Smartphone-Fotografie: viel Automatik, aber mit größerem Sensor und echtem Objektivwechsel.
Insta360 gegen GoPro: Ein Wettlauf mit Vorsprung für GoPro
Brisant wird die Sache durch die Konkurrenz: GoPro hat mit der Mission 1 Pro ILS bereits eine eigene Wechselobjektiv-Kamera angekündigt, die schon im September 2026 für 699,99 US-Dollar starten soll, rund fünf Monate vor Insta360s möglichem CP+-Prototyp. Die beiden Konzepte unterscheiden sich aber deutlich in der Ausrichtung:
| Merkmal | GoPro Mission 1 Pro ILS | Insta360 (Codename „Z One“, spekulativ) |
|---|---|---|
| Sensorformat | 1 Zoll (2,7-fach Crop) | Vollwertiges Micro Four Thirds |
| Fokus | Manuell, kein elektrischer Kontakt | Autofokus über elektronische Kontakte |
| Zielgruppe | Filmemacher mit MFT-Erfahrung | Einsteiger ohne Systemkamera-Vorwissen |
| Marktstart | September 2026 | Prototyp Februar 2027 (CP+), Marktstart offen |
| Preis (Gerücht) | 699,99 US-Dollar | 599 bis 799 US-Dollar (spekuliert) |
GoPros MFT-Mount verzichtet bewusst auf elektrische Kontakte, eine Entscheidung, die zwar für Videografen mit manuellem Fokus funktioniert, aber keinen vollen Zugriff auf das MFT-Ökosystem erlaubt. Insta360 will hier mit echten elektronischen Kontakten und vollem Autofokus-Support kontern. Wer am Ende die bessere Kamera für Einsteiger baut, entscheidet sich erst, wenn beide Geräte tatsächlich in der Hand von Testern landen.
Zeitplan: Prototyp auf der CP+ 2027
Konkret angekündigt ist bislang nur ein Prototyp, den Insta360 auf der Fotomesse CP+ 2027 zeigen will, die vom 25. Februar an in Yokohama stattfindet. Ein Serienstart ist damit noch nicht in Sicht. Realistisch dürfte ein Marktstart frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2027 folgen, sofern der Zeitplan überhaupt eingehalten wird. Insta360 ist für Verzögerungen bei ambitionierten Produktankündigungen nicht unbekannt.
Fazit: Spannender Move, aber noch viele offene Fragen
Dass ausgerechnet Insta360 in den Markt für spiegellose Systemkameras einsteigt, ist folgerichtig: Das Unternehmen hat mit ungewöhnlichen Formfaktoren und KI-gestützter Bedienung bereits bei Actioncams und 360-Grad-Kameras bewiesen, dass es abseits ausgetretener Pfade denkt. Ob die neue Insta360 spiegellose Kamera aber tatsächlich so revolutionär wird, wie CEO JK Liu es andeutet, lässt sich erst beurteilen, wenn handfeste Renderings oder ein Prototyp vorliegen. Bis zur CP+ 2027 bleibt vor allem eins: abwarten. Wer schon jetzt mit einer kompakten Alternative liebäugelt, findet in unserem Test der DJI Osmo Pocket 4 einen aktuellen Vergleichspunkt aus der Konkurrenz.