Nio zieht sich in Deutschland zurück: Zwei Service-Standorte schließen

Philipp Briel
Philipp Briel · 5 Min. Lesezeit
NIO EC7
Bild: NIO

Nio schließt zum Monatsende zwei seiner drei deutschen Service-Standorte. Betroffen sind die Hubs in Köln und Weiterstadt bei Frankfurt, übrig bleibt nur noch München als einziger Standort mit eigener Werkstatt und Fahrzeugübergabe. Der Schritt folgt auf einen fast vollständigen Einbruch der Verkaufszahlen und reiht sich in eine ganze Serie von Rückzügen ein, mit denen der chinesische Autobauer sein Deutschlandgeschäft seit Monaten zusammenstreicht.

Kurz zusammengefasst: Nio schließt die Service-Hubs in Köln und Weiterstadt Ende September 2026, München bleibt als einziger Standort übrig. Grund sind eingebrochene Verkaufszahlen (nur 19 Neuzulassungen von Januar bis August 2026) sowie EU-Zölle von insgesamt 30,7 Prozent auf importierte Nio-Fahrzeuge. Reparaturen laufen künftig über Partnerwerkstätten, die per App gebucht werden. Nio spricht offiziell nicht von einem Rückzug, sondern von einer „Optimierung“.

Warum Nio die Hubs in Köln und Weiterstadt dichtmacht

Offiziell begründet Nio den Schritt mit einer „geplanten Optimierung als Reaktion auf einen europäischen Markt, der sich für alle Hersteller durch Zölle, verstärkten Wettbewerb und langsamere Marktentwicklung verändert“, wie das Unternehmen gegenüber Auto Motor und Sport mitteilte. Kunden wurden laut dem Magazin bereits im Sommer über die anstehenden Schließungen informiert.

Zwischen den Zeilen steht vor allem eine Zahl: 19. So viele Nio-Fahrzeuge wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt zwischen Januar und August 2026 in Deutschland neu zugelassen, im August war es genau ein einziges Auto. Zum Vergleich: 2023 verkaufte Nio hierzulande noch 1.263 Fahrzeuge, 2025 waren es 325. Ein Rückgang von rund 90 Prozent innerhalb eines Jahres, den electrive.net in dieser Deutlichkeit bestätigt.

Dazu kommt ein hausgemachtes EU-Problem: Weil Nio anders als Konkurrenten wie Leapmotor (über Stellantis-Händler) oder GAC (Fertigung bei Magna in Österreich) keine eigene Produktion in Europa hat, zahlt das Unternehmen laut Recherchen von drweb.de auf jedes importierte Fahrzeug 30,7 Prozent Zoll, zusammengesetzt aus dem regulären 10-Prozent-Einfuhrzoll und dem EU-Ausgleichszoll von 20,7 Prozent gegen chinesische Subventionen. Bei kaum vorhandenen Verkaufszahlen lässt sich ein Netz aus eigenen Werkstätten unter diesen Bedingungen kaum noch rechtfertigen.

Was sich für Nio-Kunden jetzt ändert

Wartung und Reparaturen laufen künftig über ausgewählte Partnerwerkstätten, die Kunden über die Nio-App buchen. Welche Werkstätten das konkret sind, hat Nio bislang nicht veröffentlicht. Garantie, Gewährleistung und die Versorgung mit Ersatzteilen sollen laut Unternehmensangaben unverändert bestehen bleiben.

Für Besitzer im Rheinland und im Rhein-Main-Gebiet bedeutet das trotzdem einen deutlichen Umweg: Der nächste Nio-eigene Standort ist nach der Schließung München, für viele also eine mehrstündige Anfahrt. In Kundenforen macht sich entsprechend Frust breit, vor allem wegen der wegfallenden direkten Ansprechpartner und unklarer Abläufe bei Garantiefällen. Wer aktuell über den Kauf eines gebrauchten Nio nachdenkt, sollte sich die Werkstattanbindung und die Garantiebedingungen vorher schriftlich bestätigen lassen.

Kein Rückzug, sondern „Restrukturierung“?

Nio selbst weist die Deutung als vollständigen Rückzug aus Europa zurück und spricht stattdessen von Restrukturierung. Als Beleg verweist das Unternehmen auf seine Akku-Wechsel-Technologie: Über die sogenannten Power-Swap-Stationen können Nio-Fahrer einen leeren Akku in wenigen Minuten gegen einen vollen tauschen, statt an der Ladesäule zu warten. Neue Stationen sind für den europäischen Markt allerdings vorerst nicht geplant, ein weiterer Ausbau soll frühestens 2027 folgen.

Auch anderswo wird zurückgefahren: Das Nio House in Hamburg hat bereits im Juli 2026 dauerhaft geschlossen, für die verbleibenden Standorte in Berlin, Frankfurt und Düsseldorf sucht Nio derzeit Untermieter. Die für Europa geplante Billigmarke Onvo verschiebt sich nach aktuellem Stand auf 2028 bis 2029, neue Modellgenerationen sollen vor Ende 2027 ohnehin nicht nach Europa kommen. Nios Deutschlandchef David Sultzer hatte das Unternehmen bereits im März 2026 im Zuge einer internen Umstrukturierung verlassen, wie unter anderem CnEVPost berichtete. Der eigentliche Kurswechsel begann demnach schon Anfang 2026, als Nio sein teures Direktvertriebsmodell mit eigenen Showrooms zugunsten von lokalen Handelspartnern aufzugeben begann.

Chinesische E-Auto-Marken in Deutschland: Nio ist nicht allein

Nio ist mit seinen Problemen kein Einzelfall, allerdings trifft es kaum eine Marke so hart. Während Wettbewerber wie BYD mit Modellen wie dem Yangwang U9 in Europa weiter expandieren, kämpft Nio mit einem Modellportfolio, das hierzulande kaum bekannt ist, sowie mit einem Preisniveau, das gegen etablierte Marken wie den Hyundai Ioniq 5 schwer zu verteidigen ist. Auch westliche Hersteller spüren den härteren Wind im deutschen E-Auto-Markt, zuletzt etwa Tesla mit den Verzögerungen rund um sein Werk in Grünheide. Der Unterschied: Anders als Nio produzieren diese Marken zumindest teilweise in Europa oder sind hier bereits fest etabliert.

Jahr Nio-Neuzulassungen in Deutschland
2023 1.263
2025 (Gesamtjahr) 325
Jan.–Aug. 2026 19

Fazit

Ob man es Restrukturierung nennt oder nicht: Nio Deutschland schrumpft gerade auf ein Minimum. Mit München als letztem eigenen Standort, kaum noch Neuzulassungen und einer auf Eis gelegten Ladeinfrastruktur wirkt der offiziell dementierte Rückzug in der Praxis kaum von einem echten Rückzug zu unterscheiden. Für bestehende Kunden bleibt vorerst die Garantie bestehen, wer aber auf einen eigenen Nio-Service in Wohnortnähe gehofft hatte, muss sich künftig auf Partnerwerkstätten und längere Anfahrtswege einstellen.