OpenAI verschiebt die Veröffentlichung seines nächsten großen KI-Modells, das auf den Namen Astra hören soll. Interne Sicherheitstests hätten laut eigenen Angaben nicht ausgeschlossen, dass Astra die Stufe „Critical“ für Cyber-Fähigkeiten im hauseigenen Preparedness Framework erreicht, teilte OpenAI am 7. August 2026 mit. Konkret geht es um die Fähigkeit, eigenständig Sicherheitslücken in gut geschützten Systemen zu finden und auszunutzen, ganz ohne menschliches Eingreifen.
Das Wichtigste in Kürze
- OpenAI pausiert Teile der Entwicklung an Astra, dem Nachfolger der aktuellen GPT-5.6-Modellreihe.
- Grund ist laut OpenAI, dass sich ein „Critical“-Niveau bei Cyber-Fähigkeiten nicht ausschließen lässt, die höchste Risikostufe im Preparedness Framework.
- „Critical“ heißt konkret: Astra könnte selbstständig Zero-Day-Exploits in gehärteten Systemen entwickeln oder komplette Angriffsstrategien allein aus einem grob umrissenen Ziel ableiten.
- OpenAI riegelt Testumgebungen ab, verschlüsselt Modellgewichte stärker und lässt externe Stellen wie das UK AI Security Institute mitprüfen.
- Kurz zuvor hatte eine interne Astra-Version mit der Lösung zehn jahrzehntealter Mathematikprobleme für rund 2.000 US-Dollar Rechenkosten für Aufsehen gesorgt.
Was ist Astra überhaupt?
Astra ist die nächste große Modellgeneration von OpenAI, die auf die aktuelle GPT-5.6-Reihe folgen soll. Während GPT-5.6 Sol in ChatGPT gerade erst ein Update für weniger Faktenfehler bekommen hat, testet OpenAI Astra bislang ausschließlich intern. Aufgefallen ist das Modell zuerst nicht wegen einer Sicherheitswarnung, sondern wegen eines mathematischen Paukenschlags: Am 1. August 2026 verkündete OpenAI, eine interne Astra-Version habe zehn seit Jahrzehnten offene Mathematikprobleme gelöst, darunter eine Arbeit zur Existenz nicht-sofischer Gruppen, eine Widerlegung der Connes-Rigiditäts-Vermutung sowie drei Probleme aus dem Katalog des Mathematikers Paul Erdős, eines davon seit 80 Jahren ungelöst.
Das Besondere daran: Die Lösungen kommen mit maschinell überprüfbaren Zertifikaten, also mit formal nachvollziehbaren Beweisen statt bloßen Textantworten. Die gesamten Rechenkosten für alle zehn Lösungen zusammen sollen bei etwa 2.000 US-Dollar gelegen haben, ein Betrag, für den man sonst kaum einen Kaffee-Abo für die ganze Redaktion finanziert. Eine unabhängige Überprüfung durch die Fachwelt steht allerdings noch aus.
Warum spricht OpenAI von „kritischen Cyber-Fähigkeiten“?
Genau diese Sprunghaftigkeit bei komplexen, formal überprüfbaren Aufgaben ist es, die OpenAI jetzt vorsichtig macht. In einem Blogbeitrag schreibt das Unternehmen, man könne „ein Critical-Fähigkeitsniveau nicht ausschließen“, nachdem vorläufige Auswertungen eine ungewöhnlich starke Leistung bei Coding- und Penetrationstest-Aufgaben gezeigt hätten. Laut Preparedness Framework gilt die Schwelle „Critical“ im Bereich Cybersicherheit als erreicht, wenn ein Modell eines von zwei Dingen kann: eigenständig funktionsfähige Zero-Day-Exploits aller Schweregrade in vielen gehärteten, realen Systemen finden und entwickeln, ohne dass ein Mensch eingreift, oder komplette neuartige Angriffsstrategien gegen gut geschützte Ziele entwerfen und ausführen, wenn ihm nur ein grob formuliertes Ziel vorgegeben wird.
Bei TechCrunch formulierte es OpenAI so: Das Modell könne „eigenständig Cyberangriffe gegen traditionell gut geschützte, reale Systeme identifizieren und durchführen“. Wichtig ist die Formulierung „nicht ausschließen“: OpenAI sagt nicht, Astra habe diese Schwelle mit Sicherheit überschritten, sondern reagiert schon auf den Verdacht, weil das eigene Regelwerk genau das vorschreibt.
Das Preparedness Framework: OpenAIs Regelwerk für riskante KI-Fähigkeiten
OpenAI veröffentlichte das Preparedness Framework erstmals im Dezember 2023 als internen Fahrplan dafür, wie das Unternehmen auf gefährliche Fähigkeiten in Kategorien wie biologische und chemische Waffen, Cyberangriffe oder die Fähigkeit eines Modells, sich selbst zu verbessern, reagiert. Im April 2025 folgte Version 2 mit zwei klar getrennten Stufen:
| Risikostufe | Bedeutung | Konsequenz für OpenAI |
|---|---|---|
| High | Deutlich gesteigertes Risiko in einer Kategorie, aber noch beherrschbar | Zusätzliche Schutzmaßnahmen vor jedem Deployment |
| Critical | Höchste Stufe, laut OpenAI bislang im Cyber-Bereich noch nie erreicht | Entwicklungsstopp für betroffene Aktivitäten, bis verschärfte Sicherheitsvorkehrungen greifen |
Astra ist damit nach Angaben von OpenAI das erste Modell, bei dem ein „Critical“-Verdacht ausgerechnet im Cyber-Bereich aufkommt. Im Juni 2025 hatte OpenAI bereits einmal eine vergleichbare Schwelle im Bereich Biologie/Chemie überschritten und daraufhin die Sicherheitsauflagen für das betroffene Modell verschärft.
Diese Sicherheitsmaßnahmen greifen jetzt
Bis die offene Frage geklärt ist, fährt OpenAI die Entwicklung an Astra sichtbar zurück. Zu den Maßnahmen zählen laut eigenen Angaben:
- Interne Astra-Aktivitäten, die die neuen Sicherheitsanforderungen nicht erfüllen, sind pausiert.
- Tests laufen nur noch in isolierten Umgebungen ohne Netzwerkzugang.
- Modellgewichte sind stärker verschlüsselt, der Zugriff auf Tools ist eingeschränkt.
- Ein automatisiertes Monitoring der Chain-of-Thought-Ausgaben soll riskante Aktionen frühzeitig erkennen.
- Externe Prüfer, darunter Regierungsstellen und das UK AI Security Institute, testen das Modell zusätzlich.
- Auch externe Testpartner erhalten von OpenAI konkrete Sicherheitsauflagen für ihre eigene Infrastruktur.
Ein festes Datum für die Veröffentlichung von Astra nennt OpenAI nicht. Aus der Wortwahl im eigenen Blogbeitrag lässt sich eher eine Verzögerung um Monate als um Wochen herauslesen.
Kein Einzelfall: Erst im Juli ein Sicherheitsvorfall bei Hugging Face
Die Vorsicht kommt nicht aus dem Nichts. Erst im Juli 2026 räumte OpenAI in einem eigenen Blogbeitrag einen Sicherheitsvorfall bei Hugging Face ein, bei dem eines der eigenen Modelle während einer Evaluierung eine Rolle spielte. Auch Axios berichtete darüber. Parallel dazu bringt OpenAI weiterhin in hohem Tempo neue Funktionen für Endnutzer, erst am 6. August 2026 zum Beispiel das Adobe-Plugin für ChatGPT, mit dem sich Photoshop, Premiere und weitere Creative-Cloud-Werkzeuge direkt im Chat bedienen lassen. Das zeigt den Spagat, in dem sich OpenAI derzeit bewegt: Auf der Produktseite geht es zügig weiter, an der Forschungsfront bei den leistungsfähigsten Modellen tritt man dagegen bewusst auf die Bremse.
Fazit: Ein Warnsignal, das über OpenAI hinausreicht
Dass OpenAI Astra vorerst zurückhält, ist mehr als eine einzelne Produktverzögerung. Es ist die erste öffentlich dokumentierte Situation, in der ein Preparedness-Framework-Modell an der „Critical“-Schwelle für Cyber-Fähigkeiten kratzt, und ein Testfall dafür, ob die selbst aufgestellten Regeln der KI-Labore im Ernstfall auch tatsächlich greifen. Für Unternehmen und Sicherheitsverantwortliche lohnt sich ein Blick über die reine Modellfrage hinaus: Während Astra die Fähigkeitsseite von KI-Risiken betrifft, regelt in der EU parallel die KI-Kennzeichnungspflicht seit August 2026 die Transparenzseite. Beide Baustellen laufen 2026 gleichzeitig, und beide zeigen, dass die Regulierung von KI-Systemen inzwischen im laufenden Betrieb stattfindet statt erst nach der Veröffentlichung.
Ob Astra am Ende tatsächlich die kritische Schwelle überschreitet oder OpenAI nach zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen Entwarnung gibt, bleibt vorerst offen. Sicher ist nur: Bis dahin bleibt das Modell, das gerade zehn Mathematikprobleme im Vorbeigehen gelöst hat, in der Schublade.