Eine Sammelklage in Kalifornien wirft dem Wearable-Hersteller Oura vor, die Genauigkeit seines Schlaftrackings jahrelang falsch beworben zu haben. Konkret geht es um die Werbeaussage, der Oura Ring erkenne Schlafstadien mit bis zu 95 Prozent Genauigkeit. Laut Klageschrift liegt die tatsächliche Trefferquote in einer wissenschaftlichen Studie bei gerade einmal 53 Prozent, kaum besser als eine Münze zu werfen.
Das Wichtigste in Kürze:
- Die Kanzlei Clarkson Law Firm hat am 20. August 2026 im Namen der Klägerin Madison Surber Klage gegen Oura Inc. und Oura Health Oy eingereicht (Fall 3:26-cv-08686, U.S. District Court, Northern District of California).
- Angefochten werden Werbeaussagen wie „95% Sleep Staging Accuracy“ und „Built for accuracy“.
- Als Beleg zitiert die Klage eine Nature-Studie aus dem März 2025, die nur 53,18 Prozent Genauigkeit bei der Schlafstadien-Erkennung misst.
- Oura weist die Vorwürfe zurück und verweist auf eigene Validierungsstudien.
- Die Kläger fordern Schadensersatz, ein Werbeverbot für die angezweifelten Aussagen und den Status einer Sammelklage.
Was die Klage Oura konkret vorwirft
Im Zentrum der Klage steht ein einfacher technischer Einwand: Ein Ring am Finger kann die Signale, mit denen Schlaflabore Schlafstadien bestimmen, gar nicht direkt messen. Klinische Polysomnographie nutzt EEG-, EOG-, EMG- und EKG-Sensoren, die Gehirnaktivität, Augenbewegungen, Muskelspannung und Herzströme aufzeichnen. Der Oura Ring erfasst laut Klageschrift nichts davon. Er leitet Schlafstadien stattdessen aus Herzfrequenz, Hauttemperatur und Bewegung ab und schätzt den Rest per Algorithmus.
Genau diese Schätzung sei das Problem, so die Kläger: Oura verkaufe eine Berechnung als Messung. Beworben wurden die Ringe unter anderem als „Alternative to PSG Sleep Studies“, also als Ersatz für ein Schlaflabor. Wer sich auf Basis solcher Werte über gesundheitliche Fragen wie Schlafapnoe oder chronischen Schlafmangel informiert, treffe damit Entscheidungen auf Grundlage von Daten, die deutlich unsicherer sind als angegeben.
Von 95 Prozent zur Münzwurf-Chance: die Zahlen im Vergleich
Oura selbst hat seine Genauigkeitsangaben im Laufe der Jahre mehrfach angepasst und dabei stets nach oben korrigiert. Die Klageschrift stellt diese Werbeversprechen den Ergebnissen unabhängiger Studien gegenüber:
| Quelle | Angegebene bzw. gemessene Genauigkeit |
|---|---|
| Oura-Werbung (aktuell) | 95 % Schlafstadien-Genauigkeit gegenüber Schlaflabor |
| Oura-Werbung (früher) | 79 % Übereinstimmung mit Polysomnographie |
| Nature-Studie (März 2025) | 53,18 % bei der Schlafstadien-Klassifizierung |
| Sleep Advances (2026) | Deutlich geringere Genauigkeit bei älteren Erwachsenen |
| Oura-eigene Validierungsstudie (2024) | Nennenswerte Fehlerquote bei abweichenden Schlafzykluslängen |
Die 53-Prozent-Marke aus der Nature-Studie ist deshalb heikel, weil sie kaum über dem Niveau liegt, das eine zufällige Zuordnung der Schlafstadien erreichen würde. Die Klage spitzt das auf die Formulierung zu, die Trefferquote entspreche „a coin flip’s chance of being correct“.
Was Oura dazu sagt
Oura hat am 22. August 2026 auf die Klage reagiert und die Vorwürfe zurückgewiesen. Das Unternehmen argumentiert, periphere physiologische Signale wie Herzfrequenz, Hauttemperatur und Bewegung ließen sich sehr wohl zuverlässig zur Schlafstadien-Klassifizierung nutzen, auch ohne direkte Hirnstrommessung. Als Beleg verweist Oura auf vier eigene Validierungsstudien aus den Jahren 2018 bis 2024, die gegen Polysomnographie getestet worden seien.
Auffällig ist, was in Ouras Stellungnahme fehlt: Auf die Nature-Studie mit dem 53-Prozent-Ergebnis geht das Unternehmen nicht ein. Ob sich das noch ändert, wird sich im weiteren Verlauf des Verfahrens zeigen, ein Gerichtstermin steht noch nicht fest.
Kein Einzelfall: Wearables und ihre Genauigkeitsversprechen
Der Fall trifft einen Nerv, der über Oura hinausreicht. Der Markt für Smart Rings wächst rasant, von Samsungs Galaxy Ring 2 über Ultrahumans Emerald bis zu Garmins ersten Gehversuchen in diesem Formfaktor. Fast jeder Hersteller wirbt inzwischen mit Gesundheits- und Schlafanalysen, die weit über simples Aktivitätstracking hinausgehen.
Das eigentliche Problem ist selten die Technik an sich, sondern die Art, wie sie beworben wird. Ein Ring, der Trends im Schlafverhalten über Wochen anzeigt, kann für viele Nutzer trotzdem nützlich sein, auch wenn die nächtliche Einzelmessung nicht klinisch exakt ist. Wird dieselbe Technik aber als gleichwertige Alternative zum Schlaflabor verkauft, entsteht eine Erwartung, die die Sensorik schlicht nicht erfüllen kann.
Was das für Besitzer eines Oura Rings bedeutet
Für aktuelle Nutzer ändert sich durch die Klage zunächst nichts am Gerät selbst. Wer seinen Oura Ring zur groben Einordnung von Schlafdauer, Erholung und Trends nutzt, kann das weiterhin tun. Bei konkreten gesundheitlichen Fragen, etwa dem Verdacht auf eine Schlafstörung, ersetzt der Ring aber keine ärztliche Diagnostik und auch kein Schlaflabor, unabhängig davon, wie das Verfahren ausgeht.
Sollte die Sammelklage Erfolg haben, könnten betroffene Käufer in den USA Anspruch auf Entschädigung haben. Für den deutschen Markt hat ein US-Verfahren zunächst keine direkte Rechtswirkung, dürfte aber die Debatte um Genauigkeitsangaben bei Gesundheits-Wearables auch hier befeuern, ähnlich wie es Sammelklagen gegen Streaming-Anbieter zuletzt bei Preiserhöhungen getan haben.
Fazit
Die Sammelklage gegen Oura zeigt ein Grundproblem der Wearable-Branche: Marketingzahlen und Studienergebnisse klaffen oft weiter auseinander, als es die Werbung vermuten lässt. Ob sich die Vorwürfe vor Gericht bestätigen, ist offen. Für Käufer lohnt sich schon jetzt ein skeptischer Blick auf jede Genauigkeitsangabe, die ein Hersteller ohne unabhängige Quelle in den Raum stellt.
Quellen: TechCrunch,
