Snapdragon Sound Elite Gen 2: Qualcomms neuer Audio-Chip verdoppelt die KI-Leistung in Kopfhörern

Philipp Briel
Philipp Briel · 5 Min. Lesezeit
Snapdragon Sound Elite Gen 2
Bild: Qualcomm

Qualcomm hat mit dem Snapdragon Sound Elite Gen 2 die zweite Generation seiner Audio-Plattform für Kopfhörer, Ohrhörer und andere Hearables vorgestellt. Der Nachfolger des Snapdragon Sound S7 Gen 1 verdoppelt die On-Device-KI-Leistung, bringt erstmals Wi-Fi 6E direkt in den Audiochip und soll Funktionen wie Echtzeitübersetzung und personalisiertes Hören auch ohne Smartphone-Verbindung ermöglichen. Qualcomm positioniert den Chip klar als Antwort auf die wachsende Nachfrage nach KI-Funktionen direkt im Ohr.

Was ist der Snapdragon Sound Elite Gen 2?

Der Snapdragon Sound Elite Gen 2 ist kein reiner Bluetooth-Audiochip mehr, sondern eine eigenständige Plattform für sogenannte Hearables: In-Ear-Kopfhörer, Over-Ear-Modelle, offene Designs, Audio-Gläser und sogar Ohrhörer mit eingebauter Kamera. Qualcomm hat den Chip auf dem Snapdragon Summit 2026 in Hawaii angekündigt, wo das Unternehmen parallel auch die neue Smartphone-Chip-Generation Snapdragon 8 Elite Extreme Gen 6 präsentiert hat.

Kernstück ist eine verdoppelte KI-Rechenleistung von 128 GOPS gegenüber 64 GOPS beim Vorgänger, bei gleichzeitig 40 Prozent geringerem Stromverbrauch und einem um 30 Prozent kleineren Chip. Möglich macht das eine Kombination aus drei Audio-DSPs, einem dedizierten Qualcomm eNPU-Beschleuniger für neuronale Netze und einem Multi-Core-Anwendungsprozessor mit zwei Arm-Cortex-M55-Kernen.

Technische Daten im Überblick

Merkmal Snapdragon Sound S7 Gen 1 Snapdragon Sound Elite Gen 2
KI-Leistung 64 GOPS 128 GOPS
Verarbeitung 128 MACs/Takt 256 MACs/Takt
Chipfläche 44,2 mm² 31,2 mm² (–30 %)
Stromverbrauch Referenzwert bis zu 40 % geringer
Konnektivität Bluetooth, XPAN Bluetooth 7.0, Wi-Fi 6E, XPAN
Audioqualität aptX Lossless aptX Lossless, 24 Bit/96 kHz
ANC 4. Generation 5. Generation, KI-gestützt

Neu ist vor allem das integrierte Wi-Fi-6E-Modul, das laut Qualcomm mit sehr geringem Ruhestrom von 0,6 mA auskommt und Audioübertragungsraten von bis zu 86 MBit/s ermöglicht. Zusammen mit der hauseigenen XPAN-Technologie (Expanded Personal Area Network) soll das Musik verlustfrei und mit größerer Reichweite übertragen, als es reines Bluetooth heute schafft. Für die Sprachqualität in Anrufen sorgt cVc Clear Voice Capture mit Multi-Mikrofon-Unterstützung, während die adaptive Rauschunterdrückung der fünften Generation sich laut Qualcomm kontinuierlich an Passform, Bewegung und Umgebungsgeräusche anpassen soll.

KI an Bord: Was der Chip wirklich können soll

Die eigentliche Neuerung liegt aber nicht in den reinen Spezifikationen, sondern darin, was Qualcomm mit der zusätzlichen Rechenleistung anstellen will. Sarah McMurray, Staff Manager Product Marketing bei Qualcomm, brachte es in einem Statement gegenüber TechRadar so auf den Punkt: Es gehe nicht darum, einen Chatbot ins Ohr zu setzen, sondern darum, ein Gerät zu bauen, das seine Umgebung tatsächlich versteht.

Konkret sollen Hersteller mit dem Chip Funktionen wie Echtzeitübersetzung von Gesprächen, kontextabhängige Assistenz, personalisierte Höranpassung und multimodale Interaktionen aus Audio, Bildverarbeitung und KI umsetzen können, ganz ohne ständige Cloud-Anbindung. Ziad Asghar, SVP für XR & Wearables bei Qualcomm, verwies dabei auf eigene Marktforschung, wonach bis zu 70 Prozent der Nutzer sich fortgeschrittene KI-Funktionen in ihren Kopfhörern wünschen. Auf Android-XR-Geräten soll der Chip zudem lokal mit Google Gemini zusammenarbeiten, ähnlich wie es Google bei seiner neuen Googlebook-Plattform für Notebooks vorsieht.

Wie viel davon am Ende tatsächlich im Alltag ankommt, muss sich erst zeigen. Ähnliche Versprechen kennt man von diversen KI-Ohrhörern der letzten Jahre, bei denen die Übersetzungsfunktion in der Praxis oft holpriger lief als in der Werbung. Dass Qualcomm die Rechenleistung diesmal direkt verdoppelt, statt nur Software-Updates nachzuschieben, ist aber zumindest ein Hinweis darauf, dass es dem Unternehmen ernst ist.

Kamera-Ohrhörer und die Zukunft der Wearables

Für Aufsehen sorgt vor allem eine Formfaktor-Option, die Qualcomm nur am Rande erwähnt, aber deutlich mitdenkt: Ohrhörer mit eingebauter Kamera, die kontextuelle Bilderkennung direkt am Kopf ermöglichen sollen. Damit würde Qualcomm einem Trend folgen, den zuletzt auch Berichte über kamerabestückte AirPods befeuert haben. Laut Qualcomm soll die Bildverarbeitung dabei komplett auf dem Gerät stattfinden, inklusive Optionen zur Anonymisierung von Gesichtern, um Datenschutzbedenken von vornherein zu adressieren. Wie genau das in der Praxis kontrolliert wird und wer Zugriff auf die aufgenommenen Daten bekommt, hat Qualcomm bislang nicht im Detail erklärt.

Für klassische Formfaktoren wie offene Ohrhörer, wie sie etwa die kürzlich vorgestellten Bose Ultra Open Earbuds nutzen, verspricht Qualcomm zudem eine bessere Filterung tieffrequenter Störgeräusche und stabilere Leistung in wechselnden, offenen Umgebungen.

Wer bekommt den Chip, und wann?

Ein konkretes Erscheinungsdatum für erste Produkte mit Snapdragon Sound Elite Gen 2 hat Qualcomm bislang nicht genannt. Als Lizenznehmer der Plattform werden unter anderem Bose und Bowers & Wilkins gehandelt, dazu kommen Software- und Ökosystem-Partner wie Cleer, Cinemo, Qobuz, Roon, CAI und MicroEJ. Bis der Chip tatsächlich in Serienprodukten steckt, dürfte also noch etwas Zeit vergehen, üblich sind bei solchen Ankündigungen sechs bis zwölf Monate bis zum Marktstart erster Geräte.

Wer aktuell nach einem Kopfhörer mit starker Geräuschunterdrückung sucht, muss ohnehin nicht auf die neue Generation warten. Modelle wie die Sennheiser Momentum True Wireless 5 oder die günstigeren Huawei FreeBuds Neo zeigen bereits heute, wie gut ANC und Sound in aktuellen Geräten funktionieren, nur eben noch ohne die tiefergehenden KI-Funktionen, die Qualcomm hier in Aussicht stellt.

Fazit

Mit dem Snapdragon Sound Elite Gen 2 verschiebt Qualcomm den Fokus von reiner Audioqualität hin zu einem KI-Prozessor mit Kopfhöreranschluss. Doppelte Rechenleistung, Wi-Fi 6E und die Aussicht auf Kamera-Ohrhörer machen deutlich, wohin die Reise bei Hearables in den nächsten Jahren gehen soll. Ob Echtzeitübersetzung und kontextbezogene Assistenz im Alltag halten, was die Ankündigung verspricht, werden aber erst die ersten Produkte zeigen, die auf dem Chip basieren.