Spotify kennzeichnet KI-Künstler: Neues Label schließt sie aus den Empfehlungen aus

Philipp Briel
Philipp Briel · 6 Min. Lesezeit
Spotify
Bild: Spotify

Spotify kennzeichnet ab sofort Künstlerprofile, die keine echte Person zeigen, sondern eine komplett KI-generierte Identität, wie TechCrunch zuerst berichtete. Ab Mitte September 2026 taucht dafür ein „AI Persona“-Badge auf Profilen, in der Suche und in Playlists auf. Betroffene Profile fliegen dann standardmäßig aus den redaktionellen und algorithmischen Empfehlungen, nur wer einem solchen Künstler aktiv folgt, bekommt seine Musik weiterhin vorgeschlagen.

Kurz zusammengefasst

  • Spotify führt ein neues Badge für Künstlerprofile ein, die keine echte Person, sondern eine KI-generierte Identität zeigen.
  • Seit dem 11. August 2026 können Künstler sich selbst als AI Persona deklarieren, ab Mitte September wird das Label sichtbar.
  • Betroffene Profile verschwinden standardmäßig aus personalisierten Playlists sowie aus redaktionellen und algorithmischen Empfehlungen.
  • Wer einem AI-Persona-Künstler aktiv folgt, bekommt dessen Musik trotzdem weiter angezeigt.
  • Das Label bewertet nur die öffentliche Identität, nicht ob und wie die Musik mit KI produziert wurde.

Was genau ist eine „AI Persona“ bei Spotify?

Mit AI Persona meint Spotify Künstlerprofile, deren Name und Bildmaterial eine fotorealistische, aber komplett erfundene Identität zeigen, also niemanden, der tatsächlich existiert. Das Unternehmen zieht damit eine klare Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Fragen: Wer steckt hinter dem Profil, und wie wurde die Musik produziert? Ein Popsong, den ein echter Musiker komplett mit KI-Tools komponiert hat, fällt nicht automatisch unter das neue Label. Ein Profil, das einen nie existierenden Sänger mit KI-generiertem Foto zeigt, dagegen schon.

In seiner offiziellen Ankündigung schreibt Spotify, die Frage, ob hinter einem Profil ein echter Mensch steckt, lasse sich klar beantworten, anders als die Frage, wie ein Song entstanden ist. Genau deshalb konzentriert sich das neue Badge auf die Künstleridentität und nicht auf den Produktionsprozess.

Rein rechtlich hat das mit der EU-weiten KI-Kennzeichnungspflicht, die seit dem 2. August 2026 gilt, nichts zu tun. Die EU-Regel verlangt eine Kennzeichnung bei Deepfakes und KI-Inhalten zu gesellschaftlich relevanten Themen, Spotifys Badge ist dagegen eine freiwillige Plattformregel für Musikprofile.

So funktioniert die Kennzeichnung

Künstler können sich seit dem 11. August 2026 über Spotify for Artists selbst als AI Persona deklarieren. Wer das nicht tut, wird trotzdem nicht automatisch verschont: Spotify durchsucht Profile mit einer Mischung aus menschlicher Prüfung und automatisierter Analyse nach Namen und Bildmaterial, die auf eine fotorealistische, aber erfundene Identität hindeuten. Ab Mitte September wird das Ergebnis sichtbar, zunächst in der mobilen App, auf dem Künstlerbanner, im Info-Bereich, in der Suche und in den Track-Zeilen von Playlists. Tippt man auf das Badge, sieht man, ob die Kennzeichnung freiwillig erfolgte oder von Spotify nach Prüfung gesetzt wurde.

Spotify
Bild: Spotify

Für Künstler, die ein Label für fehlerhaft halten, gibt es einen Einspruchsweg über Spotify for Artists. Für Hörer soll in den kommenden Monaten zusätzlich eine Meldefunktion kommen, über die sich verdächtige, aber noch unlabelte Profile melden lassen. Details dazu hat Spotify noch nicht veröffentlicht, laut einem Bericht von Engadget soll das Badge zudem zunächst nur auf Mobilgeräten auftauchen, bevor es auf Desktop nachzieht.

Was sich für Hörer bei den Empfehlungen ändert

Der eigentliche Hebel liegt weniger im Badge selbst als in seiner Wirkung auf den Algorithmus. AI-Persona-Profile fallen standardmäßig aus drei Bereichen heraus: aus redaktionellen Empfehlungen, aus algorithmischen Vorschlägen und aus personalisierten Playlists wie dem Discover Weekly. Wer einem AI-Persona-Künstler bereits folgt, merkt davon nichts, dessen Musik läuft weiterhin ganz normal in den eigenen Playlists und Empfehlungen mit. Betroffen sind also vor allem Zufallsfunde und die passive Entdeckung neuer Musik, nicht das aktive Hören.

Zeitplan: Wann kommt das AI-Persona-Label?

Zeitpunkt Was passiert
11. August 2026 Künstler können sich über Spotify for Artists selbst als AI Persona deklarieren
Mitte September 2026 Das Badge wird sichtbar, zunächst in der mobilen App
Folgemonate Eine Meldefunktion für Nutzer soll ergänzt werden, um unlabelte Profile zu melden

Warum Spotify jetzt reagiert

Der Auslöser liegt vor allem in einem Problem, das Spotify selbst als Flut von KI-Slop bezeichnet: massenhaft produzierte, oft mittelmäßige KI-Musik, die es Hörern zunehmend schwer macht, echte Künstler zu finden. Bekannt wurde das Thema 2025 durch The Velvet Sundown, eine angeblich klassische Rockband, die binnen Wochen mehrere Hunderttausend monatliche Hörer auf Spotify sammelte, bevor sich herausstellte, dass Songs, Bandfotos und Biografie komplett KI-generiert waren.

Das AI-Persona-Label ist nicht Spotifys erster Versuch, hier gegenzusteuern. Seit September 2025 müssen Künstler offenlegen, wenn KI-Tools an der Produktion eines Songs beteiligt waren, unautorisierte Stimmklone und Deepfake-Vocals sind seitdem verboten. Mit dem grünen Verified-Häkchen gibt es außerdem schon länger ein Gegenstück, das bestätigt, dass hinter einem Profil tatsächlich ein echter Mensch steckt. Parallel verhandelt Spotify mit Rechteinhabern wie Universal Music und Merlin über Lizenzmodelle, die Fan-Remixes und Coverversionen erlauben und die beteiligten Künstler und Labels an den Erträgen beteiligen sollen. Wie das Musiklabel klang.io zeigt, das kürzlich den ersten GEMA-Lizenzvertrag für KI-Musiktraining in Europa abgeschlossen hat, entsteht rund um lizenzierte KI-Musikdaten gerade ein eigener kleiner Markt.

Der Widerspruch: Spotify baut selbst an KI-Funktionen

Ganz frei von Ambivalenz ist Spotifys Position dabei nicht. Während die Plattform KI-generierte Fake-Künstler aus den Empfehlungen verbannt, baut sie parallel eigene KI-Features aus: den AI DJ, der Ansagen zwischen Songs generiert, Prompted Playlists, die aus einer Texteingabe eine Playlist bauen, einen KI-Chat für Musikempfehlungen und angekündigte AI-Remixes. Erst kürzlich hat Spotify mit dem neuen Running Mode gezeigt, wie stark KI-Personalisierung inzwischen den Alltag mit der App prägt.

Kritiker werfen dem Unternehmen deshalb vor, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, die sich nicht ganz reibungslos vertragen: KI in der eigenen Produktoberfläche feiern und KI bei den Künstlern selbst misstrauisch beäugen. Spotify würde das wohl anders formulieren, nämlich als Unterscheidung zwischen KI als Werkzeug und KI als vorgetäuschter Mensch. Ob diese Trennlinie in der Praxis so klar bleibt, wie sie sich in der Pressemitteilung liest, wird sich erst zeigen, wenn die ersten strittigen Fälle auftauchen. Für zahlungswillige Nutzer dürfte das ohnehin zweitrangig sein, gerade weil Konkurrenten wie Tidal ihre Preise zuletzt spürbar angehoben haben und Spotify mit neuen Funktionen im Wettbewerb um Abonnenten punkten muss.

Fazit

Mit dem AI-Persona-Label reagiert Spotify auf ein Problem, das durch Fälle wie The Velvet Sundown öffentlich wurde und mit der wachsenden Menge an KI-generierter Musik nur größer wird. Die Kennzeichnung selbst ändert an der verfügbaren Musik nichts, sie sorgt aber dafür, dass KI-generierte Fake-Künstler seltener zufällig in Empfehlungen und Playlists landen. Für etablierte Künstler und ihre Fans bleibt ohnehin alles beim Alten, spürbar wird der Unterschied vor allem für alle, die sich beim Musik-Entdecken stark auf Spotifys Algorithmus verlassen.