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IT-Recht 2026: Was Deutschland und die EU im neuen Jahr erwartet

Rund um die Jahreswende blicken IT-affine Menschen, Entwickler, Gründer und Tech-Entscheider auf ein spannendes Jahr zurück. Gerade 2025, aber auch während der zwei vorherigen Jahre, wurden neue Regelwerke verfasst und verabschiedet, doch erst im kommenden Jahr sollen sie, laut Experten, ihre volle Wirkung entfalten. Statt einem Jahr spektakulärer neuer Gesetze kommt damit ein Umsetzungs- und Konsolidierungsjahr auf Deutschland und Europa zu.

Dass die Gesetze erst jetzt tatsächlich Realität werden, ist kein Zufall. Viele der umfangreichen europäischen Digitalgesetze sind bewusst so konzipiert, dass sie nicht sofort in vollem Umfang greifen. Unternehmen, Behörden und Entwickler sollten Zeit erhalten, sich organisatorisch, technisch und rechtlich auf die neuen Anforderungen einzustellen, anstatt völlig von ihnen überwältigt zu werden und sie im Zweifelsfall überhaupt nicht einhalten zu können und gleichzeitig wirtschaftlich zu bleiben. Genau diese Übergangsphase endet nun schrittweise.

Künstliche Intelligenz im Fokus der Aufsichtsbehörden

Für das Jahr 2026 bedeutet das vor allem, dass die abstrakten Regelwerke zum ersten Mal messbar werden. Pflichten, die bislang nur auf dem Papier existierten, wirken sich nun konkret auf Produktdesign, Softwarearchitekturen, Vertragsmodelle und interne Prozesse aus.

Besonders deutlich wird das dort, wo digitale Geschäftsmodelle stark regulierte Bereiche berühren, also zum Beispiel bei datenintensiven Plattformen, cloudbasierten Diensten und auch in der Welt des digitalen Glücksspiels. Wer Casinos ohne Tischlimits anbietet, muss schließlich strenge Regelwerke einhalten und dabei gleich mehrere Regulierungsstränge erfüllen.

Ein zentraler Baustein dieser Entwicklung ist die europäische KI-Regulierung. Der AI Act tritt zwar nicht über Nacht vollständig in Kraft, doch ab 2026 beginnt die Phase, in der Unternehmen ihre bestehenden Systeme einordnen und dokumentieren müssen. Die entscheidende Frage lautet dabei nicht mehr, ob Künstliche Intelligenz reguliert wird, sondern wie tief die Regulierung in bestehende IT-Strukturen eingreift. Das betrifft alle Unternehmen, die sie in ihrem ganz normalen Alltag nutzen.

Besonders relevant ist die Einordnung von Systemen in die vorgesehenen Risikokategorien. Anwendungen, die automatisierte Entscheidungen treffen, Nutzerverhalten analysieren oder sogar sensible Daten verarbeiten, geraten dabei schnell in den Bereich sogenannter Hochrisiko-Systeme.

Für Entwickler und Betreiber bedeutet das zusätzliche Transparenzpflichten, nachvollziehbare Trainingsprozesse und neue Governance-Strukturen, die einer späteren Prüfung standhalten müssen.

Der Datenzugang verändert bestehende Geschäftsmodelle

Parallel zur KI-Regulierung entfaltet auch das europäische Datenrecht seine praktische Wirkung. Mit dem Data Act entstehen neue, einklagbare Ansprüche auf den Zugang, die Nutzung und die Weitergabe von Daten, die durch vernetzte Produkte und digitale Dienste erzeugt werden. Diese Rechte betreffen nicht nur Endkunden, sondern ausdrücklich auch Geschäftskunden, Plattformpartner und andere Akteure innerhalb komplexer IT-Ökosysteme, in denen Daten bislang häufig als exklusiver Wettbewerbsvorteil galten.

Für viele Unternehmen stellt diese Entwicklung eine tiefgreifende strukturelle Herausforderung dar. Bestehende Schnittstellen, Datenformate und Exportfunktionen müssen überprüft und in vielen Fällen neu konzipiert werden, sodass IT-Architekturen, die über Jahre hinweg auf Abschottung und proprietäre Strukturen ausgelegt waren, immer mehr unter Druck geraten.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Dokumentation, Zugriffskontrolle und technische Absicherung, da Datenzugang künftig eben nicht bloß möglich, sondern vor allem auch rechtssicher und nachvollziehbar umgesetzt werden muss.

Besonders konfliktträchtig ist die Abgrenzung zwischen herausgabepflichtigen Nutzungsdaten und schützenswerten Geschäftsgeheimnissen. In der Praxis ist diese Trennlinie oft unscharf, da technische Telemetriedaten, Nutzungsstatistiken oder Prozessinformationen Rückschlüsse auf interne Abläufe zulassen können.

Ab 2026 ist daher mit ersten gerichtlichen Auseinandersetzungen zu rechnen, in denen Gerichte klären müssen, wie weit die neuen Zugangsrechte reichen und wo berechtigte Schutzinteressen der Anbieter überwiegen. Diese Entscheidungen dürften den rechtlichen Rahmen des Data Act in den folgenden Jahren maßgeblich prägen und für mehr Planungssicherheit sorgen.

IT-Sicherheit wird zur dauerhaften Governance-Aufgabe

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der IT-Sicherheit. Mit der Umsetzung der NIS2-Richtlinie und der schrittweisen Einführung des Cyber Resilience Act verschärfen sich die Anforderungen deutlich. Betroffen sind längst nicht mehr nur klassische kritische Infrastrukturen, sondern auch viele mittelständische Unternehmen, Softwareanbieter und Plattformbetreiber.

Neu ist vor allem die Perspektive der Aufsicht, denn Sicherheitsvorfälle gelten nicht mehr ausschließlich als technisches Problem, sind dafür ab sofort aber ein meldepflichtiges Ereignis mit rechtlichen Konsequenzen, das somit über die Grenzen des eigenen betrieblichen Haushalts hinausgeht.

Kurze Fristen, gestufte Berichtspflichten und erweiterte Eingriffsbefugnisse der Behörden verändern den Umgang mit Sicherheitsrisiken deshalb grundlegend. Für IT-Abteilungen bedeutet das, Sicherheit stärker mit Compliance, Dokumentation und Management zu verzahnen und dabei gegebenenfalls auf externe Experten zurückzugreifen.

Plattformregulierung und digitale Identitäten greifen ineinander

Auch im Bereich der Plattformregulierung beginnt 2026 eine neue Phase. Die Regeln des Digital Services Act und des Digital Markets Act werden zunehmend durchgesetzt, erste Sanktionsverfahren sind anhängig. Gleichzeitig entsteht mit der europäischen digitalen Identitäts-Wallet eine Infrastruktur, die langfristig Login-Prozesse, Nutzerverifikation und elektronische Signaturen vereinheitlichen soll.

Für Betreiber digitaler Dienste eröffnet das Chancen, etwa durch standardisierte Identitätsprüfungen. Gleichzeitig entstehen neue Haftungsfragen, insbesondere im Umgang mit zusätzlichen Attributdaten und der Absicherung digitaler Identitäten. Die Verzahnung von Plattformrecht, Datenschutz und Identitätsmanagement dürfte eines der prägendsten Themen der kommenden Jahre werden.

Was das Jahr 2026 insgesamt auszeichnet, ist ein spürbarer Perspektivwechsel, der im Grunde alle Unternehmen, ob groß oder klein, betrifft. Die Phase politischer Grundsatzentscheidungen geht in eine Phase der praktischen Verantwortung über und damit können sich Unternehmen nicht mehr darauf verlassen, dass Regelungen verschoben oder abgeschwächt werden. Stattdessen rückt die Frage in den Vordergrund, wie bestehende Systeme regelkonform betrieben und weiterentwickelt werden können.

Für IT-affine Entscheider ist das kein Grund zur Sorge, dafür aber eine ganz klare Aufforderung zur strategischen Auseinandersetzung mit dem Thema und den Regelwerken. Wer regulatorische Anforderungen frühzeitig versteht und technisch sauber umsetzt, verschafft sich langfristig Stabilität, und damit in vielen Fällen auch einen Wettbewerbsvorteil.

Gastautor

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