Die In-Ear-Monitore Kiwi Ears Halcyon gehen ein interessantes Wagnis ein, das in dieser Preisklasse seinesgleichen sucht. Hier kombiniert der Hersteller einen Aufbau aus Dynamic Driver, Balanced Armatures und einem MEMS-Treiber in einem einzigen In-Ear-Monitor. Das Kürzel MEMS steht für Micro-Electromechanical Systems und beschreibt eine Festkörpertechnologie, die (kurz gesagt) ohne traditionelle Akustikelemente wie Spulen oder Membranen auskommt. 5 Treiber verrichten in den IEMs also ihren Dienst und das zu einem Preis ab 170 Euro via Kickstarter – zumindest für Schnellentschlossene. Wie das Ganze klingt und ob sich ein Kauf lohnt, klärt der Kiwi Ears Halcyon Test.
Technische Daten der Kiwi Ears Halcyon
| Produkt | Kiwi Ears Halcyon |
| Treiberaufbau | 1DD + 1 MEMS + 3 BA (2 DEK Custom Balanced Armature Treiber + 1 WBFK Custom Balanced Armature Treiber) |
| Impedanz | 29 Ohm |
| Frequenzgang | 10 Hz – 42.000 Hz |
| Empfindlichkeit | 109 dB |
| Anschluss | 3,5-mm; 4,4-mm |
| Kabelstecker | 0,78 mm, 2-polig |
| Ohreinsätze | 6 × Paar Silikon-Ohrstöpsel |
| Preis | ab 170 Euro via Kickstarter |
Kiwi Ears Halcyon Test: Design und Verarbeitung
Das erste, was beim Auspacken auffällt, ist das schlichte Gehäuse. Die silberne Optik fängt sofort das Auge ein. Ein puristischer Hingucker, der nicht auf unnötige Ornamente setzt, sondern durch das schlicht-moderne CNC-gefräste Aluminium eine ernsthafte Seriosität ausstrahlt. Kiwi Ears hat hier offensichtlich viel Sorgfalt in Finish und Formgebung investiert.
Die Frontplatte ist mit einem sich wiederholenden Muster aus den Buchstaben K und E für Kiwi Ears verziert, das Logo und der Schriftzug „Halcyon“ finden sich an der Oberseite neben dem 2-Pin-Anschluss. Der restliche Gehäusebereich ist vollständig glatt konturiert mit einer strukturierten Metalloberfläche. Das Ergebnis wirkt wie aus einem Guss. Keine sichtbaren Nähte, kein Knarzen, kein Billigkunststoff irgendwo.
Dabei sind die IEMs aus hochwertigem Aluminium gefertigt und beherbergen 1 Dynamic Driver, 3 Balanced Armatures und einen MEMS-Treiber. Für den aufgerufenen Preis ist das Gehäuse bemerkenswert hochwertig verarbeitet. Typisch für In-Ear-Monitore ist, dass das Modell zunächst zusammengesetzt werden möchte. Das betrifft in diesem Fall die Verbindung mit dem Kabel, was sich für Laien durchaus knifflig gestaltet und das aus zwei Gründen:
- Die Verbindung des Kabels mit dem 2-Pin-Anschluss ist vergleichsweise schwergängig sodass es etwas Kraft benötigt
- Entgegen der Anleitung weisen die Halycon keinerlei Hinweis darauf auf, welches denn nun der linke und welches der rechte Ohrhörer ist
Aber nach etwas herumexperimentieren und ausprobieren sind die Kiwi Ears Halcyon dann letztlich einsatzbereit. Das lange, dicke und kupferfarbene Kabel hinterlässt im Test einen guten Eindruck und punktet mit einem hohen Maß an Flexibilität, was sich positiv auf den Tragekomfort auswirkt. Was mit am Kabel allerdings nicht gefällt ist, dass dieses regelmäßig über mein rechtes Ohr rutscht. Aber das ist sehr individuell, da meine Ohrform (zumindest auf der rechten Seite) offenbar sehr eigen ist. Das Problem habe ich bei einigen IEMs (wenn auch nicht bei allen).
Stimmig präsentiert sich zudem der Lieferumfang der Kiwi Ears Halcyon. Neben einem kompakten Transportcase liefert der Hersteller zwei Sets an Ohrstöpseln in jeweils drei Größen, den üblichen Papierkram und einen abnehmbaren 3,5-mm- und 4,4-mm-Stecker bei, was die Flexibilität merklich erhöht. Mit vergoldeten Kontakten wohlgemerkt, also sehr hochwertig.
Dazu gibt es zwei Sets Ersatzfilter für die Treiber-Nozzle. Diese Filter dienen vermutlich dazu, den Hochton bei Bedarf zu dämpfen. Ein sinnvolles Detail für Nutzer, die das Klangbild feinjustieren möchten, ohne auf Third-Party-Ohrstöpsel zurückzugreifen.
Tragekomfort der Halcyon
Stichwort Tragekomfort: Im Vergleich zu den meisten Resin-IEMs wirken die Halcyon merklich kantiger. Dennoch finden die In-Ear-Monitore sehr angenehm im Ohr Halt und sitzen auch über Stunden hinweg äußerst komfortabel. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Die Schalen sind vergleichsweise klein und leicht trotz der Hybrid-Treiberkonfiguration und sollten problemlos in den meisten Ohren sitzen. Das ist ein nicht selbstverständlicher Vorteil: Viele Multi-Driver-IEMs neigen zu Gehäusen, die durch ihre Größe bei längeren Sessions drücken. Die Halcyon bleibt auch nach Stunden angenehm.
Mit den richtigen Ohrstöpseln entsteht eine Art natürliche Geräuschunterdrückung. Selbst im vergleichsweise lauten Busumfeld lässt sich die Musik gut genießen. Wer empfindlichere Ohren hat oder Gehäuse mit auffälligem Druck kennt, wird die Kiwi Ears Halcyon als angenehme Überraschung erleben. Sehr positiv.
Soundqualität der Kiwi Ears Halcyon
Die Soundqualität ist natürlich der entscheidende Faktor eines Kopf- oder Ohrhörers und insbesondere die Kiwi Ears Halcyon machen dank ihrem Treiber-Aufbau hier einiges anders. Aber auch wirklich besser? Die technische Basis: Der 10-mm-Verbundmembran-Dynamic-Driver übernimmt den Sub-Bass für eine kraftvolle, kontrollierte Tiefbasswiedergabe. Die Mitten werden von zwei DEK-Series-Custom-Balanced-Armature-Treibern abgedeckt und der Hochton kommt von einem WBFK-Series-Balanced-Armature-Tweeter in Kombination mit dem USound-MEMS-Treiber für Ultra-Hochton-Auflösung. Der deklarierte Frequenzgang liegt bei 10 Hz bis 42.000 Hz, was schon einmal eindrucksvolle Spezifikationen markieren. Und das Kurzfazit vorab: Die Kiwi Ears Halcyon liefern einen erstaunlich klaren, präzisen und reinen Klang, der fast durch die Bank gefällt.
Sub-Bass und Tiefbass: Der Sub-Bass der Halcyon geht entschlossen in die Tiefe, hat Präsenz und liefert das angenehme Grummeln, wenn der Track es fordert und das in der Regel mit viel Sauberkeit und Schnelligkeit. Kein dicker oder besonders satter Bass, sondern eher agil, mit guter Textur und genau auf seinem Platz. Der Sub-Bass hat einen ausgewogenen 8-dB-Bass-Boost, sodass der Mittenbereich sauber akzentuiert bleibt. In der Praxis bedeutet das: wer Bass mag, bekommt ihn, ohne dass der Rest des Frequenzspektrums darunter leidet.
Mitten: In den Mitten spielt die Halcyon die Karte der Ordnung und Sauberkeit. Eine klare Präsentation, gut platzierte Instrumente und eine Separation, die dafür sorgt, dass alles angenehm luftig übertragen wird. Kein super warmer oder dichter Sound, der einen einhüllt. Eher frisch, diszipliniert und transparent. Weibliche Vocals kommen besonders gut, mit guter Präsenz und einer lebhaften Qualität. Tiefe männliche Stimmen können im Vergleich zu wärmeren Alternativen etwas an Körper verlieren, klingen aber weiterhin ausgesprochen gut.
Hochton und MEMS-Treiber: Das ist der Bereich, der am meisten Neugier weckt. Ja, es gibt Luft, es gibt Detail, es gibt gute Extension und ein kompetentes Gefühl von Offenheit, hinsichtlich der Brillanz nach oben hätte ich dann aber doch etwas mehr erwartet. Natürlich klingen die IEMs auch hier sehr gut, spielen aber sicher und vertraut auf. Man sollte jetzt keine klangliche Revolution erwarten. Dass der Hochton bei bestimmten Quellen oder Aufnahmen etwas spitz werden kann, sollte man erwähnen: Beim ersten Hören kann der Hochton bei falschen EQ-Einstellungen schrill und überbetont klingen – je nach persönlichem Gusto. Das kann man aber mithilfe eines Equalizers problemlos eindämmen.
Die Kiwi Ears Halcyon sind moderat schwer zu betreiben und scheinen mit viel Leistung besser zu funktionieren. In Verbindung mit einem USB-C-DAC am Smartphone fehlt es den IEMs in meinen Augen etwas an Power. Mit einem DAC am PC/Notebook oder einer Audioanlage sieht die Sache aber wieder ganz anders aus. Hier fühlen sich die In-Ear-Monitore merklich wohler. Besonders gefällt: Es gibt kein Genre, in dem die Halcyon besonders glänzt oder besonders schwach abschneidet. Tracks mit viel Bass bekommen viel Bass. Intensive Stimmen oder enge Harmonien klingt genau so, wie es sein soll. Es ist, als ob die Halcyon eine Kraftreserve hätten, die alles wunderbar mühelos klingen lässt und sich überall gleichermaßen wohl fühlt.
Was mir zusätzlich gefällt: Die passive Isolation ist, mit den richtigen Ohreinsätzen, ausgesprochen gut. Klar: Keine aktive Geräuschunterdrückung, aber Umgebungsgeräusche werden konsequent ausgeblendet, was einen noch besser in die Musik eintauchen lässt.
Kiwi Ears Halcyon Test: Fazit
Die Kiwi Ears Halcyon setzen auf eine innovative Treiberkonfiguration, die den Anspruch des Herstellers gut aufzeigt. MEMS-Tribrid-IEMs in dieser Preisklasse? Das gab es bislang schlicht noch nicht. Erfreulicherweise werden die In-Ear-Monitore diesem Anspruch auch gerecht. Kiwi Ears liefert hier ein Produkt ab, das mit wenigen Ausnahmen durch die Bank überzeugen kann. Wunderschön verarbeitet, leicht und komfortabel zu tragen, mit einer fast perfekt neutralen Studio-Monitor-Abstimmung ohne übermäßige Betonung einzelner Frequenzbereiche. Insbesondere der für IEMs satte Bass überrascht (positiv).
Und doch gibt es ein paar Punkte, die mir nicht so gut gefallen. Manche davon sind subjektiv, andere rein objektiv: Die Inbetriebnahme ist für Laien etwas aufwändiger als nötig, da eine Beschriftung der Seiten fehlt und die Montage der Eartips etwas knifflig ist. Das Kabel rutscht zudem immer wieder über mein rechtes Ohr. Was man den Halcyon aber nicht unbedingt ankreiden kann, das Problem habe ich auch bei Kabeln anderer Hersteller (und wer einmal ein gutes Kabel gekauft hat, negiert diesen Makel ohnehin).
Die neutrale Abmischung macht die Kiwi Ears Halcyon zu einem überzeugenden Allrounder, der sich in sämtlichen Genres gleichermaßen wohl fühlt. Wer hingegen nach einem warmen Klangbild sucht, wird nur bedingt glücklich sein. Was am Ende bleibt, ist ein gelungener IEM mit einzigartigem Treiber-Setup (zumindest in dieser Preisklasse), der – in meinen Augen – den aufgerufenen Preis absolut wert ist. Besonders, wenn du noch das Early Bird-Angebot auf Kickstarter erwischt.
VORTEILE
- Edles Design
- Tadellose Verarbeitung
- Beeindruckender Klang
- Satte Bassdarstellung
- Klare, detailreiche Höhen
- Attraktiver Preis
NACHTEILE
- Wechsel der Eartips fummelig
- Inbetriebnahme etwas knifflig
- Benötigen DAC (für Smartphone eher ungeeignet)
- Etwas scharfe Höhen
Fazit
Die Kiwi Ears Halcyon sind die mutigsten IEMs ihrer Preisklasse: Die Kombination aus Dynamic Driver, drei Balanced Armatures und einem MEMS-Treiber ergibt einen technisch präzisen, sauberen Klang mit kraftvollem Sub-Bass und überraschend diszipliniertem Hochton.
