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IFA könnte möglicherweise Berlin den Rücken kehren

Die Coronakrise hat vielen Branchen zugesetzt. Dazu gehören zweifelsohne auch Großveranstaltungen wie Musikfestivals oder Messen. Doch in jeder Krise steckt auch eine Chance. Deshalb nutzen einige traditionelle Institutionen den Neustart in die Post-Corona-Zeit, um sich neu zu erfinden. Dies scheint nun wohl auch der IFA zu blühen. Schließlich möchte das zuständige Konsortium die beliebte Elektronikmesse neu aufstellen. Dazu gehört sogar ein Weggang aus Berlin und ein möglicher Neuanfang in einer anderen Stadt. Der Hauptstadtpolitik gefällt das gar nicht.

Aufregung kurz vorm 100. Geburtstag

Wer an die IFA denkt, hat schnell gigantisch große Flachbildfernseher, die neuesten Videospielkonsolen und smarte Küchengeräte mit Internetanbindung vor Augen. Dabei kann man schnell vergessen, dass die IFA eine jahrzehntelange Tradition hat. Bereits im Jahre 1924 fand die erste „Große Deutsche Funkausstellung“ In Berlin statt. Da es dabei noch nicht das futuristisch anmutende Messegelände am Funkturm gab, fand die Veranstaltung im etwas beschaulicheren Haus der Funkindustrie im Berliner Ortsteil Westend statt. Obwohl die weltweit bekannte Messe Mitte des 20. Jahrhunderts auch mal in anderen Städten Deutschlands stattfand, hat sie seit dem Jahre 1971 ihren festen Stammplatz in der Bundeshauptstadt.

Dementsprechend kann man auch nachvollziehen, dass der Berliner Senat an dem bedeutenden Event festhalten möchte. Dies ist nicht nur eine einfache Frage von Prestige, sondern hat natürlich auch viel mit den damit verbundenen Geldern zu tun. Die IFA hat sich nämlich mit den Jahren als ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor für den Messestandort Berlin herauskristallisiert. Nun könnte aber alles anders werden und die IFA der Hauptstadt den Rücken kehren. Dies könnte sich für die Stadt als ein großes Problem herausstellen, das nicht zu unterschätzende Löcher in die ohnehin angeschlagenen Finanzen des Berliner Haushalts fressen könnte.

Veranstaltung von globaler Bedeutung

Die Internationale Tourismus Börse (ITB), die Grüne Woche und die IFA sind fest mit dem Berliner Messegelände verbunden. Und davon profitiert die Stadt auch finanziell. Schließlich ist die sogenannte Berliner Messegesellschaft stets als Mitveranstalter der drei Messen aufgetreten. Das bedeutete Jahr für Jahr ein gutes Zubrot für die Hauptstadt. Allerdings könnte sich die Rolle Berlins nun vom Mitveranstalter zum „nur“ noch Vermieter der entsprechenden Räumlichkeiten wandeln – zumindest bei der IFA: Schließlich hat die Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik (Gfu) bekanntgegeben, dass man die Funkausstellung ein wenig ummodeln möchte. Hinter der Gesellschaft stehen übrigens namhafte Unternehmen aus der Unterhaltungs-, aber auch Haushaltselektronik-Branche. Beispielsweise gehören Sony und Miele dazu.

Nachdem es die Gfu gemeinsam mit der Berliner Messegesellschaft geschafft hat, Europas bedeutsamste Elektronikmesse auf die Beine zu stellen, scheint sich nun etwas Entscheidendes zu ändern. So soll aus dem einstigen Mitveranstalter aus Berlin nun womöglich nur noch ein einfacher Vermieter der benötigten Räumlichkeiten werden. Die vertragliche Übereinkunft zwischen den beiden Parteien bindet die Berliner Messegesellschaft nämlich nur noch bis 2023 an die Gfu. Anschließend könnte der Zusammenschluss der Elektronikhersteller als alleiniger Veranstalter auftreten. Die mögliche Änderung der Rolle der Berliner Messegesellschaft hat nun der Tagesspiegel in einem Artikel thematisiert. Daraus geht hervor, dass sich die Gfu womöglich bereits nach anderen Partnern umgesehen hat.

Vom Veranstalter zum Vermieter

Wirft man einen Blick auf die Gelder, welche Gfu und Berliner Messegesellschaft in der Vergangenheit mit der IFA verdient haben, wird der Frust des Berliner Senats nachvollziehbar. So konnten beide Veranstalter in guten Jahren 10 Millionen Euro reinen Gewinn einfahren. Schlüpft die Messegesellschaft der Hauptstadt nur noch in eine Rolle als einfacher Vermieter, dürften sich die finanziellen Vorteile erheblich senken. Und die Gfu scheint bereits nach neuen Partnern Ausschau zu halten. Aus dem Bericht im Tagesspiegel geht hervor, dass die Gesellschaft bereits Gespräche mit „Aquila“ und „Clarion Events“ geführt habe. Letzteres gilt als namhaftes Veranstaltungsunternehmen aus Großbritannien. Die ganze Geschichte bekommt noch einmal ein ganz besonderes Geschmäckle, wenn man ins Detail geht.

Zum einen bezeichnet der Aufsichtsrat der Berliner Messegesellschaft den seitens der Gfu vorgelegten Vertragsentwurf als einen der Sorte „Knebelvertrag“. Angesichts des womöglich gigantischen Gewinnverlusts kann man das durchaus nachvollziehen. Außerdem kennt man die sogenannte „Aquila“ als eine Beteiligungsgesellschaft, die von keinem geringeren als dem ehemaligen CEO der Berliner Messegesellschaft, Christian Göke, geleitet wird. Folglich würde die ehemalige Führung der Berliner Messegesellschaft kurzerhand zum Teil der Gfu werden. Ob da nicht hinter verschlossenen Türen etwas abgesprochen wurde, ist mehr als fraglich.

Wirtschaftssenator ist brüskiert

Die Berliner Politik ist über die Causa IFA jedenfalls entsetzt. Insbesondere von Seiten des Wirtschaftssenators Stephan Schwarz gibt es große Bedenken. So hat ein Sprecher von Schwarz gegenüber den Experten von heise online seine Enttäuschung mit deutlichen Worten zum Ausdruck gebracht:

„Dass ein ehemaliger Geschäftsführer der Messe Berlin Teil des neuen Gfu-Konsortiums ist, halten wir in der Tat für sehr schwierig“

Während die Berliner Stadtpolitik offensichtlich zu Aussagen bereitsteht, zeigt sich die Gfu noch verhalten. So wollte sie sich zum Bericht des Tagesspiegels nicht äußern. Allerdings hat es schon den Anschein, als wäre die geplante Zusammenarbeit so gut wie in trockenen Tüchern. Wichtig ist, dass man zumindest noch intern miteinander spricht. Zumindest macht dies ein Sprecher der Berliner Messegesellschaft deutlich. Er sagte, dass man nach wie vor im

„ständigen gemeinsamen Austausch mit der Gfu“

stünde. Angesichts vertraglicher Verpflichtungen bis 2023 wäre alles andere aber auch verwunderlich.

Schwere Vorwürfe des Tagesspiegels

Im Bezug auf die Gfu findet der Tagesspiegel dann doch deutlich Worte. So stellt die Zeitung klar, dass sich die Gesellschaft wohl höchst fragwürdiger Mittel bedient. Hierzu gehört zweifelsohne auch das Abwerben von Spitzenkräften wie Christian Göke. Da dieser im Jahr 2020 die Führung des staatlichen Messeveranstalters aufgab, um nun mehr oder weniger wieder mit der Gfu zusammenzuarbeiten, ist der Verdacht durchaus naheliegend. Doch dabei scheint es der Zusammenschluss von Sony, Miele und Co. nicht zu belassen. Obendrein berichtet der Tagesspiegel darüber, dass man seitens der Gfu sogar Drohungen gegen die Messegesellschaft ausgesprochen haben soll. Sollte die Stadt nämlich nicht auf das Vertragsangebot eingehen wollen, stellt die Gfu notfalls auch den Umzug in eine andere Stadt in Aussicht.

Natürlich wäre vor allem letzteres ein echter Alptraum für die Hauptstadt. Schließlich würde der Wegfall der IFA für ein großes Loch im jährlichen Haushalt sorgen. Dass die Berliner Stadtpolitik derart engagiert ist, verwundert beim genaueren Hinsehen nicht. Schließlich ist die Messegesellschaft Berlin nicht nur teilstaatlich. Sie gehört in Gänze der Hauptstadt, was natürlich deutlich macht wie schwerwiegend ein Weggang wäre. Dies macht auch der Wirtschaftssenator deutlich, indem er durch einen Sprecher verlauten ließ

„Natürlich wollen wir die IFA in Berlin behalten, weil die IFA einfach zu Berlin gehört“,

IFA soll nicht um jeden Preis in Berlin bleiben

Trotz der großen Bedeutung der IFA, scheint es dennoch so zu sein, als würde der Berliner Senat sich nicht von den mutmaßlichen Drohungen der Gfu beeindrucken lassen wollen. Schließlich hat das Messegelände mit anderen bedeutsamen Veranstaltungen wie der Grünen Woche oder ITB auch andere Asse im Ärmel. Dennoch könnte das Timing der Gfu nicht unfairer sein. So hat bereits die Corona-Pandemie dafür gesorgt, dass die Berliner Messegesellschaft unter einem großen finanziellen Druck gestanden hat. Stünde nicht der Haushalt des Berliner Senats dahinter, gäbe es die Gesellschaft womöglich gar nicht mehr. Doch obwohl die Umstände widrig sind, zeigt sich der Senat fast schon kämpferisch. So macht dieser durch den Sprecher des Wirtschaftssenators klar, dass die Annahme des Vertragsangebots

„nicht um jeden Preis“

geschehen werde. Schließlich möchte man deutlich machen:

„weder die Messe noch das Land Berlin sind erpressbar.“

Games Convention lässt grüßen

Nicht nur die vertragliche Verpflichtung zum Rollenwechsel der Berliner Messegesellschaft stößt der Hauptstadt sauer auf. Obendrein soll der neue Vertrag zur Folge haben, dass auch die bislang durch die IFA erwirtschafteten Gewinne der Messegesellschaft ins Vermögen der Gfu übergehen. Auch, wenn das alles düstere Zukunftsmusik zu sein scheint, macht ein Beispiel der Vergangenheit deutlich, dass es nicht unmöglich ist – die Games Convention. Damals zog der Veranstalter mit seiner Spielemesse nämlich kurzerhand von Leipzig nach Köln und benannte sie in die Gamescom um. Da die Berlin mit der örtlichen Messe fest verbandet ist, hoffen wir, dass die Funkausstellung auch in der Hauptstadt verbleibt.

Jens Scharfenberg

Gaming und Technik waren stets meine Leidenschaft. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Als passionierter "Konsolero" und kleiner "Technik-Geek" begleiten mich diese Themen tagtäglich.

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