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„What Remains of Edith Finch“ im Test – Das rätselhafte Schicksal der Familie Finch

Mit The Unfinished Swan schufen Giant Sparrow ein ästhetisches und außergewöhnliches Indie-Spiel, das nicht nur aufgrund seines andersartigen Designs lange im Gespräch war. Beinahe fünf Jahre sind vergangen, bis Giant Sparrow mit „What Remains of Edith Finch“ ein weiteres mysteriöses Erzählspiel in die Riege ihrer Werke reihte.

Ob das fantasievolle Game auch diesmal überzeugen kann und der märchenhafte Trip euch der Wahrheit rund um die Familie Finch näherbringt, erfahrt ihr in unserem Test.

Story: Was ist damals wirklich passiert?

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Die 17-jährige Edith Finch ist an Bord einer kleinen Fähre auf dem Weg nach Orcas lsland, ihrer damaligen Heimat. In ihren Händen hält sie ein kleines Tagebuch, das mit ihrem Namen versehen ist.

Als sie zu blättern beginnt, geschieht etwas magisches: Edith taucht förmlich in die Seiten ein und findet sich auf einem kleinen Waldweg wieder. Sie streift durch die Natur und weiß, dass ihr eine schwierige Aufgabe bevorsteht.

Nach vielen Jahren besucht sie das verlassene Haus ihrer Verwandtschaft, das sie damals gemeinsam mit ihrer Mutter kopfüber verlassen musste. Denn die Familie Finch hat das Leben bisher von seiner bittersten Seite kennengelernt und scheint mit einem gar merkwürdigen Fluch belegt zu sein. So musste bisher jedes Familienmitglied auf tragische Weise ihr Leben lassen – einzig Edith ist die letzte Überlebende der einst so großen Familie.

Als sie das herrschaftliche Haus betritt, ummantelt sie eine merkwürdige Stille. Obwohl das Anwesen gänzlich ausgestorben ist, scheint es, als seien die Bewohner gerade erst verschwunden.
Was ist hier wirklich geschehen? Warum ist jeder von Ediths Verwandten ums Leben gekommen? Lastet wirklich ein Fluch auf der Familie?

Für Edith beginnt eine emotionale Reise durch die Vergangenheit, ihr Leben und letztendlich zu sich selbst.

Gameplay: Auf den Spuren der Vergangenheit

Sobald ihr in der Ego-Perspektive das beinahe bizarre Schloss der einstigen Familie betretet, eröffnet sich euch ein wahrhaftiges Feuerwerk kreativen Schaffens. Die Vergangenheit jeder einzelnen Person konstruiert den erzählerischen Rahmen und schon bald merkt ihr, welch wunderschöne aber auch traurige Geschichte sich vor euch auftut.

Viele kleine Episoden reihen sich nach und nach aneinander und lassen euch im ersten Moment als stillen Zuschauer verweilen, während sie euch im Nächsten mitten in die Geschichte manövrieren. Ihr dreht versteckte Schlüssel, klettert auf Dächern durch verspieltes Geäst und durchforstet entlegene Geheimgänge, um immer neue Schauplätze innerhalb des Anwesens zu erreichen. Kein Zimmer gleicht dem anderen, vielmehr steht jeder einzelne Raum sinngebend für die Persönlichkeit des jeweiligen Charakters.

Die Episoden fallen allesamt individuell aus und fungieren symbolisch als kleine Puzzleteile, die ein ergreifendes Bild über ein trauriges Schicksal zeichnen. Nach und nach verschwimmen Fantasie und Realität und ihr erlebt hautnah mit, wie die einzelnen Familienmitglieder ums Leben kamen. So taucht ihr beispielsweise in einen perfiden Horrorcomic aus den 50ern ein und wandelt als Zeichentrickfigur durch die einstigen Räume des jeweiligen Familienanwesens. Ein anderes Mal lenkt ihr einen unbändigen Papierdrachen, schaukelt als kleiner Junge dem Horizont entgegen oder verwandelt euch in ein hungriges Monster, das mit Vorliebe Jagd auf Menschen macht. Auch wenn diese Geschichten auf teils skurrile Weise erzählt werden, ist jede der Figuren absolut authentisch dargestellt, sodass ihr einen genauen Eindruck davon erhaltet, wer dieser Mensch eigentlich war.

Gameplay II: Traurig, melancholisch und doch so wunderschön

Doch auch wenn ihr hautnah mit dabei seit dürft, könnt ihr zu keiner Zeit das Unvermeidliche aufhalten: den Tod. Und trotz der Tatsache, dass so manche Geschichte einen dicken Kloß im Hals hinterlässt, schaffen es die Entwickler, den Tod stets behutsam und mit dem richtigen Respekt darzustellen. Ja, das Spiel zeigt euch die Schattenseiten des Lebens und ist oftmals alles andere als fröhlich.

Dennoch ist das Game eine Hommage an das Leben und fordert jeden Einzelnen auf, die schönen Momente des Daseins voll auszukosten und sie mit dem zu füllen, was sie glücklich macht.

What Remains of Edith Finch ist ein durchweg intensives Spiel, das, sofern man sich darauf einlässt, wohl selbst hartgesottenen Zockern zeitweise feuchte Augen beschert. Überhaupt lebt das Spiel von genialen Momenten und einem kreativen Erzählstil, der zeigt, welche Kraft der Sprache der Bilder innewohnt. Mit jedem schicksalhaften Tod, den ihr auf eurer Reise durchlebt, wird der Stammbaum der Familie, der auch als Menü fungiert, mit der entsprechenden Person gefüllt.

Balance: Wenn ein Spiel ganz ohne Rätsel- und Geschicklichkeitspassagen anspruchsvoll ist

Da das Spiel weitestgehend auf Rätsel verzichtet, darf man hier zumindest spielerisch keinen hohen Anspruch erwarten. Doch dies tut dem Werk keinen Abbruch und ist von den Entwicklern mit Sicherheit so gewollt. Denn statt knackiger Rätsel- und Geschicklichkeitspassagen besteht die eigentliche Herausforderung vielmehr darin, vollends zu erfassen, was eigentlich hinter dem Schicksal der Familie steckt. Hier geben die Entwickler keine feste Richtung vor, sondern lassen euch genug Raum, um eure ganz eigenen Antworten auf die essenziellen Fragen zu finden.

Steuerung: Langweilig wird es euch hier nie

Durch die gelungene Kombi aus Erkundung und Interaktion werdet ihr quasi virtuell an die Hand genommen und wisst dank der intuitiven Steuerung schnell, was zu tun ist. An dieser Stelle punktet das Game mit einer absoluten Vielfalt, die sich vor allem in den völlig individuellen Spielmechaniken widerspiegelt. Das verleiht euch immer neue spielerische Möglichkeiten sowie ein nahezu unendliches Gefühl der Freiheit.

Grafik und Sound: Wenn jedes Bild berührt

Getragen wird das Game maßgeblich von einer ebenso wunderschönen wie außergewöhnlichen Bilderwelt, die ihresgleichen sucht. Der schon fast magische Grafikstil fängt jedes noch so kleinste Detail ein und entführt euch in eine Kulisse, wie sie wohl nur aus Märchen bekannt ist. Zudem bedienen sich die Entwickler auch hinsichtlich der einzelnen Episoden einem teils so geschickten und skurrilen Artdesign, dass es euch schwerfällt, euch auch nur eine Sekunde von dem Spielgeschehen abzuwenden.

Beinahe durchgängig werden einzelne Satzfragmente eingeblendet, die schnell selbst Teil des Spiels werden und förmlich mit der Szenerie interagieren.

Dank der sanften und ruhigen Vertonung erlangt ihr durchweg Zugang zu Ediths Gedanken- und Gefühlswelt und werdet quasi durch das Spiel geführt. Untermalt wird das Spiel durch einen wunderschönen Soundtrack, der stets auf die einzelnen Geschichten zugeschnitten ist und es einmal mehr schafft, der Geschichte pures Leben einzuhauchen.

Fazit: Wunderschön, klug und außergewöhnlich – und viel mehr als nur ein Spiel

What Remains of Edith Finch ist mehr als ein Game. Es ist eine intensive Erfahrung, die beispielhaft aufzeigt, welche erzählerische und spielerische Kraft das gemalte Bild haben kann.
Das Spiel ist eine gefühlvolle Reise, die wehtut, nachdenklich stimmt und trotzdem in jeder Sekunde einfach nur schön ist.

Mutig wird hier ein sehr schwieriges Thema in den Fokus gerückt und dem Spieler auf so respektvolle Art und Weise näher gebracht, wie man es von den wenigsten anderen Games kennt.

What Remains of Edith Finch ist das pure Leben und zeigt euch, wie schön die Welt eines jeden ist, wenn man sich denn auf das Leben mit all seinen Facetten einlässt. Es liefert keine Aneinanderreihung actionreicher Kampf- oder Geschicklichkeitspassagen – aber das braucht es auch nicht. Das Spiel gleicht einem ruhigen Spaziergang durch die eigene Gefühlswelt, es rüttelt auf und lässt den Spieler auch immer wieder schmunzeln.

Vielen Dank Giant Sparrow für dieses kleine Meisterwerk! Hier findet ihr das Spiel bei Steam.

Pro
Contra
Story
95%
+ tiefgründige, wunderschön erzählte Geschichte
+ individuelle Geschichten für jeden Charakter
+ tolle Botschaft zwischen den Zeilen
Gameplay
90%
+ außergewöhnliches Gameplay
+ detailliertes und lebensechtes Setting
+ kreative Spielmechanismen
+ steter Perspektivwechsel
– wenig Rätsel- und Geschicklichkeitspassagen
Balance
80%
+ intuitive Führung durch das Spiel – keine anspruchsvollen Rätsel
Steuerung
85%
+ immer neue Steuerungsmöglichkeiten
+ Steuerung wird individuell in die jeweilige Episode eingebettet
Grafik & Sound
90%
+ detailverliebtes Art-Design
+ märchenhafte Kulisse
+ ausdrucksstarke Bildsprache
+ abwechslungsreiche Musikstücke
+ Protagonistin offenbart durchgehend ihre Gedankenwelt
+ Textpassagen interagieren mit der jeweiligen Episode
– keine deutsche Vertonung

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