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Ärztevertretungen lehnen Digitalisierung des Gesundheitswesens in der jetzigen Form ab

Mehrere Ärztevertretungen haben sich kritisch zum Wirken der für die Digitalisierung des Gesundheitswesens zuständigen Gematik GmbH geäußert. Vor allem die Top-Down-Mentalität, die den Praxen kein Mitspracherecht einräumt, steht in der Kritik.

Digitalisierungszwang nicht sinnvoll

Der Zwang zur Digitalisierung in den Praxen und sonstigen medizinischen Versorgungseinrichtungen wird von Seiten der Ärztevertretungen kritisch betrachtet. So äußerte sich etwa Ralph von Kiedrowski, Chef des Berufsverbands der Dermatologen, zur von ihm so benannten „dunklen Seite der Digitalisierung“. Konkret spricht von Kiedrowski davon, das Voranpeitschen der Digitalisierung im Gesundheitswesen geschehe teilweise zulasten der Versorgungsqualität. Auf das Tagesgeschäft in den Praxen werde teilweise keine Rücksicht genommen und die Funktionalität der neu einzuführenden Systeme sei nicht in jedem Falle gegeben. So berichtete er etwa von Erfahrungen, denen zufolge das Einlesen der Versicherungskarte, das vor der Einführung diverser digitaler Tools in zehn bis zwölf Sekunden erledigt war, heute bis zu eine Minute in Anspruch nehme – womit wertvolle Zeit verloren gehe. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte äußerte sich jüngst sehr ähnlich und kritisierte die Telematikinfrastruktur, über die die Verbindung von Praxen, Krankenkassen und sonstigen Stellen erreicht wird, als unzureichend getestet.

Von Kiedrowski sieht zwar durchaus ein, dass die digitale Anbindung von 130.000 Vertragspraxen an Krankenkassen und andere Stelle kaum reibungslos zu erledigen sei; dennoch hielte er es für deutlich sinnvoller, nicht um jeden Preis schnellstmöglich zu digitalisieren, sondern zunächst Funktionalität und Praxistauglichkeit sicherzustellen. Dabei betont er auch die positiven Aspekte der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Besonders digitale Sprechstunden oder Apps zur Ermittlung des individuellen Hautkrebsrisikos sieht er als Verbesserung der Versorgung.

Routeraustausch für Telematikanschluss zieht Kritik auf sich

Besonders negativ aufgefallen ist den niedergelassenen Ärzten in der jüngsten Vergangenheit die Anordnung zum Austausch der für die Telematikanbindung nötigen Hardware-Router. Aufgrund eines nach fünf Jahren abgelaufenen Krypto-Zertifikats sollen diese flächendeckend getauscht werden – was zu Beeinträchtigungen in den Praxen führen wird. C’t und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hatten diesbezüglich angemerkt, dass auch eine Verlängerung der Zertifikate bis 2025 möglich sei. Die Gematik und das Bundesgesundheitsministerium hatten eine Prüfung dieser Option jedoch abgelehnt. Der Ärzteverband MEDI und der HNO-Berufsverband hatten sich für einen Stopp der Austauschaktion ausgesprochen, während die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns gar mit einem Ausstieg aus der Telematikinfrastruktur drohte.

Insgesamt zeigen die Äußerungen der medizinischen Berufsvereinigungen, dass die Digitalisierungsüberlegungen im Gesundheitswesen bisher recht einseitig und unter Übergehung der zentralen Figuren, nämlich der Niedergelassenen in ihren Praxen erfolgen. Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Frage, mit welchem Ziel die Digitalisierung so vehement vorangetrieben wird, wenn sie die Versorgung in ihrer jetzigen Form eher beeinträchtigt als verbessert. Die Gematik war zuletzt in die Schlagzeilen geraten, als der Chaos Computer Club das Videoidentverfahren der Krankenkassen hacken konnte.

Simon Lüthje

Ich bin der Gründer dieses Blogs und interessiere mich für alles was mit Technik zu tun hat, bin jedoch auch dem Zocken nicht abgeneigt. Geboren wurde ich in Hamburg, wohne nun jedoch in Bad Segeberg.

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